von Nora Derbal (ersch. Heft 4/Dez.2007)
Unter dem Motto „Orientalistik im 21. Jahrhundert – Welche Vergangenheit? Welche Zukunft?“ folgten mehr als 1000 Wissenschaftler und deren Nachwuchs dem Aufruf der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) nach Freiburg, wo sie mehr als 650 Vorträge, Workshops und Diskussionen erwarteten
Die Berichterstatter des 30. Orientalistentages scheinen sich einig, dass die Studierenden und Lehrenden, die sich vom 24. bis 29. September in Freiburg zu einem europäischen Gipfeltreffen ihres Fachbereichs eingefunden haben, zu den Nutznießern der politischen und gesellschaftlichen Folgen der Terroranschläge des 11. Septembers zählen. Doch wie geht die Fachwelt selbst mit dieser Haltung der Öffentlichkeit gegenüber der Disziplin der Orientalistik um?
„Kriegsgewinner – Islamexperten – Orientalisten” – so beschreibt die Badische Zeitung den Deutschen Orientalistentag
Die Selbstbezeichnung „Orientalist“ ist sowohl historisch als auch politisch und symbolisch beladen und gilt in anderen Ländern, wie etwa den USA, schon fast als Beleidigung. Trotzdem hat die DMG mit dieser Selbstbezeichnung ihres Fachkongresses in Freiburg dieses Risiko in Kauf genommen: „Wir sind uns als Orientalisten in Deutschland des Erbes des europäischen Orientalismus bewusst und wollen alle auf eine konstruktive Weise damit umgehen“, erklärt Professor Reinkowski, Mitorganisator des diesjährigen DOT. Stephan Leder, erster Vorsitzender der DMG, betont, dass man trotz allem in Europa auf eine „beeindruckende Gelehrtengeschichte mit großartigen Leistungen“ blickt, und unterstreicht die Vorteile eines solch interdisziplinären Kongresses. Neben 18 fachspezifischen Sektionen, von der Indogermanistik über Turkologie und Klassische Archäologie, bietet das Programm des DOT interdisziplinär ausgerichtete Foren und fachübergreifende Diskussionspanels. Jedoch ist die Umsetzung dieses Mammutprojekts nicht immer für alle zufriedenstellend. „Wo sind wir hier eigentlich? Das ist doch Theologie und kein Strafrecht!“, wirft der Jurist Hilmer Krüger etwa im Forum “Recht” ein, als Ibrahim Abu el-Naga die Perspektiven des islamischen Strafrechts erläutert.
Neben diesem begeisternden und zugleich in seiner Fülle erschlagenden Angebot an die Fachwelt zeichnete sich der DOT 2007 durch ein Abendprogramm aus, das für jedermann offen war. „Der Orientalistentag sucht die Öffentlichkeit wie nie zuvor“, unterstreicht Ludwig Amman, Pressesprecher des DOT, in der Badischen Zeitung. „Er (der DOT, d.R.) will dem gewachsenen Bedürfnis nach seriösen Informationen über die Welt des Islam, aber auch über China und Indien Rechnung tragen“. International renommierte Publikumsmagneten widmeten sich dafür in Festvorträgen einigen tagespolitischen Brennpunkten. Patricia Crone aus Princeton referierte über “Islam und religiöse Freiheit”, der iranische Reformtheologe Muhammed Schabestari aus Teheran nahm sich des komplexen Themas “Islam, Demokratie und Menschenrechte” an. Nicht minder brisant waren abendliche Podiumsdiskussionen. In prominenter Runde wurden “Konflikte in Asien und Afrika” diskutiert. Die Frage des Abends “Was ist Politik, was ist Religion?” musste am Ende jedoch offen bleiben.
Aktualität ist Segen und Fluch zugleich
Die Abende zeigten sich insgesamt gemäß dem Motto des DOT wie eine Kartographie bestehender Auffassungen in der Islamwissenschaft, die der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Ebenso die Frage nach den Wurzeln der Orientalistik, die in der abschließenden Podiumsdiskussion zum Motto des DOT die Gemüter besänftigte: Man berief sich auf die Herkunft der Orientalistik aus der Philologie, schließlich hätten sich Orientalisten von Anfang an durch ihre Sprachkenntnisse ausgezeichnet.
Dass Aktualität in der Wissenschaft nicht nur Segen, sondern zugleich auch Fluch sein kann, zeigt sich nicht nur an dem ungewöhnlich modernen und einseitig auf den Islam ausgerichteten Programm des DOT. Auch in Bezug auf die Zukunft der Orientalistik wurde der gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten wachsender Islamophobie und Terrorangst ein hoher Stellenwert beigemessen. Günter Meyer, Vorsitzender des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZFAW), forderte gar, “an den deutschen Universitäten mehr denn je die Studierenden dahingehend auszubilden, dass sie für solche Diskussionen gerüstet sind und den einseitig verzerrenden Polemiken und Klischees erfolgreich entgegentreten können.”
Dass für die Analyse aktueller Prozesse grundlegende Kenntnisse über historische Entwicklungen sowie geistes- und sozialwissenschaftliche Rahmenbedingungen unverzichtbar sind, bewiesen an anderer Stelle viele junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, denen der Kongress die Möglichkeit bot, ihre Forschung ein erstes Mal einem wissenschaftlichen Publikum vorzustellen. Auch bot das Werkstattgespräch der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient (DAVO) eine von vielen Berufseinsteigern genutzte “Plattform für die Präsentation von Studienabschlussarbeiten und Promotionsvorhaben, die sich in der Konzeptions- oder Durchführungsphase befinden”, wie es in der viel versprechenden Programmauskunft beschrieben wurde. Darüber hinaus nutzten zahlreiche Nachwuchsforscher die Gelegenheit, ein Forschungspanel zu leiten und so den Orientalistentag selbst mitzugestalten. Angesichts dieser Fülle an Veranstaltungen, die sich auf dem dreißigsten Orientalistentag in berauschender Weise mit einer stetigen öffentlichen Erwartungshaltung, aktueller Brisanz und der Frage nach der Zukunft der Orientalistik gepaart fanden, resümiert Maurus Reinkowski, es sei “eine gute Vorbereitung auf die heutige Gesellschaft”, wenn den angehenden Orientalisten das Gefühl “permanenter Überforderung” ihrer älteren Kollegen vermittelt würde.
Der Deutsche Orientalistentag (DOT), ursprünglich als Mitgliederversammlung der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) 1921 ins Leben gerufen, trifft sich als Fachkongress alle drei Jahre an wechselnden Orten innerhalb Deutschlands. Bei steigender Teilnehmerzahl hat dieses Gipfeltreffen nach eigener Aussage dabei den Anspruch, „die repräsentative Veranstaltung der deutschsprachigen Orientalistik“ zu sein. Der Orient, geographisch vom Senegal nach Japan reichend, erstreckt sich dabei in Fachdisziplinen von der Afrikanistik über Alttestamentarische Studien, Judaistik und Islamwissenschaft bis zur Iranistik und Sinologie. So sind theoretisch all jene Fächer auf dem DOT vertreten, die eine „gemeinsame Herkunft aus der Philologie, die kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit der nicht-europäischen Welt und die oft ähnlichen Probleme bei der Verteidigung dieser Fächer gegenüber der Wissenschaftspolitik und in der Universität“ aufweisen (Maurus Reinkowski, Mitorganisator).
www.dot2007.de