von Karin Kutter (ersch. Heft 6/Februar 2009)
Mit dem Namen Ernst Reuter verbinden die meisten Deutschen den couragierten Oberbürgermeister West-Berlins zur Zeit der sowjetischen Blockade. Dass er jedoch zuvor während der NS-Diktatur ein ereignisreiches Jahrzehnt im türkischen Exil verbrachte, ist nur den Wenigsten bekannt.
Am Abend des 30 Januars 1933, dem Tag der Machtergreifung Hitlers, traf sich in Magdeburg ein kleiner Kreis von Sozialdemokraten – unter ihnen der amtierende Oberbürgermeister der Stadt, Ernst Reuter. Von seinem Gesinnungsgenossen Joseph Lenz verabschiedete er sich damals mit den folgenden Worten: „Wir werden jetzt zehn Jahre in die Wüste gehen, Lenz, und dann kommen wir wieder.“ Dass es fast so kommen würde, ahnte er damals wohl kaum. Denn der bis dato politisch äußerst engagierte Reuter wurde – wie andere entschiedene Gegner des Nationalsozialismus – nicht nur zur politischen Passivität gezwungen, sondern musste zudem aus Deutschland fliehen.
Vom KZ-Häftling in Deutschland zum Politikberater in der Türkei
Zweimal hatte man Ernst Reuter bereits in das Konzentrationslager Lichtenberg gebracht, bevor er 1934 als kranker Mann entlassen wurde. Eine erneute Deportation ins KZ hätte ihm bevor gestanden, doch konnte er sich dieser durch Flucht entziehen. Sein Sohn Edzard Reuter kann sich noch gut an diese Zeit erinnern: „Im Januar 1935 überschritt er, die letzten zehn Mark in der Tasche, die deutsche Grenze nach Holland. Zwei Tage später klingelte in der Wohnung die Gestapo, um ihn abzuholen, und war mehr als erstaunt, dass ihr der Vogel entflogen war“. Ernst Reuters Exil wurde jedoch nicht die Wüste, wie er es damals eher sinnbildlich gemeint hatte, sondern die türkische Hauptstadt Ankara. Sein Sohn Edzard spricht heute von einem „Glückszufall“, der die Familie Reuter nach Ankara brachte. Nachdem sie zunächst bei Nacht und Nebel über Holland nach London geflohen waren, dort aber nicht bleiben konnten, erfuhr Ernst Reuter über seinen ehemaligen Reichstagskollegen Baade von einer Stelle in der Türkei. Er zögerte nicht lange und kam am 4. Juni 1935 in Ankara an, wo er noch am selben Tag die Arbeit als Sachverständiger im Wirtschaftsministerium aufnahm. Später holte er seine Familie nach.
Die Türkei im Umbruch
Für die Türkei waren damals gut ausgebildete ImmigrantInnen von besonderer Bedeutung, sollten sie doch der jungen Republik bei ihren Reform- und Modernisierungsmaßnahmen behilflich sein. Seit Gründung der Republik 1923 hatte sich der türkische Präsident Mustafa Kemal Atatürk in besonderem Maße für den Aufbau einer modernen Verwaltung und eines modernen Hochschulwesens in der neuen Hauptstadt Ankara eingesetzt. Bereits 1925 ließ er verlauten: „Die türkische Republik sollte keine Opfer scheuen, um Professoren aus Deutschland, England und Amerika, die sich auf dem Gebiet der Wissenschaft einen Namen gemacht haben, in das Verwaltungszentrum der türkischen Republik, nach Ankara einzuladen“. Dieser Modernisierungswille sollte die Rettung für viele verfolgte WissenschaftlerInnen und Gelehrte des Nationalsozialismus werden. Neben Ernst Reuter fanden unter anderem der Komponist Paul Hindemith, der Architekt Bruno Taut, aber auch Juristen wie Andreas Schwarz und Ernst Hirsch Zuflucht und Arbeit in der Türkei. Ernst Reuter wurde zunächst Tarifexperte im Wirtschaftsministerium und beriet die türkische Regierung bei Verkehrsfragen. Drei Jahre später konnte er zusätzlich zu seiner Tätigkeit im Ministerium Vorlesungen über Kommunalpolitik an der Hochschule für Politische Wissenschaften halten. Ab 1940 widmete er sich ausschließlich diesem Bereich und brachte einige Bücher über Städtebau und Kommunalwissenschaften heraus, die als Grundlagenliteratur gelten.
Zwang zur politischen Passivität
Und so wich den Anfangsschwierigkeiten bald die Zuversicht – auch beim Erlernen der türkischen Sprache. Bereits im Herbst des Jahres seiner Emigration schrieb Reuter in einem Brief: „Anfangs habe ich halb verzweifelt gegen leere Wände, die Sprachschwierigkeiten, gegen alles angekämpft. Heute weiß ich, dass ich so oder so die Dinge meistern werde. Ich werde Türkisch beherrschen.“ Trotzdem blieb neben der schnellen Integration und dem Engagement für den Aufbau der türkischen Republik auch immer ein Stück Wehmut bei Reuter. Denn zur politischen Passivität war er auch in der Türkei verdammt. Mit anderen Deutschen gründete er zwar den Deutschen Freiheitsbund, dessen Bestreben es war, über die Zustände in Deutschland zu diskutieren und über ein Deutschland nach Hitler nachzudenken, doch dessen Aktivitäten relativ beschränkt blieben. Auf eine Duldung durch die Türkei, die zu diesem Zeitpunkt auf Neutralität bedacht war, konnte der Deutsche Freiheitsbund nicht hoffen. In einem Brief an seinen Freund und Parteikollegen Friedrich Stampfer klagte Ernst Reuter über seine erzwungene Untätigkeit: „Der Zwang der Verhältnisse, unter denen ich lebe, erlaubt mir nicht, öffentlich aufzutreten. (…) Was ich hier tun kann, an offenem Bekenntnis zu unseren Ideen und an eindeutiger Haltung gegenüber den Nazis, das tue ich (…). Wir können als einzelne ja in diesem Drama nichts anderes tun, als wenigstens durch persönliche Haltung zeigen, dass es ein anderes Deutschland gibt als das der nazistischen Barbarei“.
Deutsche Nationalsozialisten in Anatolien
Dieser Barbarei entkam er auch in der Türkei nicht ganz, denn auch dort lebten so genannte Reichsdeutsche, die der Ideologie des Nationalsozialismus anhingen. Edzard Reuter erinnert sich: „Bei den so genannten Reichsdeutschen (…) gab es natürlich nicht wenige, die sich, aus welchen Gründen auch immer, halbherzig oder auch ganzherzig dieser wunderbaren neuen Lehre des Nationalsozialismus anvertraut hatten und anfingen zu glauben, die deutsche Nation sei die überlegene Nation dieser Welt“. In diesem Zusammenhang betont Reuter auch die Standfestigkeit der türkischen Regierung: „Man muss sich vorstellen, die deutschen Truppen standen an der bulgarisch-türkischen Grenze, die hatten Griechenland besetzt! Trotzdem hat die Türkei nie dem Druck nachgegeben, in den Krieg auf der Seite von Deutschland einzutreten. Zugegeben, sie waren auch klug genug, nicht auf der Seite der Alliierten in den Krieg einzutreten, weil das natürlich umgekehrt Rückwirkungen gegeben hätte“.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte Reuter mit einiger Verzögerung wieder nach Deutschland und erneut auf die politische Bühne zurückkehren. Sein unermüdlicher Einsatz für Berlin ließ ihn zu einem der bekanntesten Bürger der Stadt werden. Doch die Türkei vergaß er dabei nicht: „Sicher werde ich nach diesem Lande und vor allem nach Istanbul mich immer sehnen und wenn jemals unsere Verhältnisse so etwas wieder ermöglichen sollten, dann werde ich bestimmt hierher noch einmal zurückkommen“ schrieb Ernst Reuter bereits 1946 in einem Brief.