Im Magen zwischen den Kontinenten

von Fatima Elgheib (ersch. Heft 7/Juli 2009)

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Der Schmuggel von Haschisch in die EU über die marokkanisch-spanische Grenze floriert. Ein lebensgefährliches, aber auch gut gesichertes Geschäft

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„Es gibt keine andere Möglichkeit! Die Spanier hassen uns, sie behandeln uns wie Hunde. Als Mann sind deine Chancen auf dem spanischen Arbeitsmarkt so gut wie null, wir sind höchstens für die Drecksarbeit willkommen. Deswegen arbeite ich im Haram.“

Mohammed∗ meint mit Haram, also „Verbotenem, Illegalem“, in diesem Fall das Geschäft mit Haschisch. Der Dreiundzwanzigjährige arbeitet seit drei Jahren als Haschischschmuggler, dabei hat er ein ausgesprochen unschuldiges ,Baby-Face’ und macht einen sympathischen Eindruck. Mohammed berichtet von neuen Methoden, die die marokkanischen Schmuggler in den letzten Jahren entwickelt haben. Die Droge wird jetzt nicht mehr in Schiffsbäuchen über See oder in privaten Flugzeugen transportiert, sondern in Menschenmägen. Mohammed ist ein solcher „Magenschmuggler“.

„Jetzt gerade habe ich nur 300 Gramm Haschisch im Magen, die ich wieder nach Marokko reinschmuggeln muss, weil wir von den 1300 Gramm, die ich von dort vor zwei Tagen im Magen mitnahm, nur 1000 Gramm verkaufen konnten.“

Auf die Frage, ob er denn nicht Angst habe, den spanischen und marokkanischen Behörden aufzufallen, wenn er mindestens einmal wöchentlich zwischen Marokko und Spanien reist, entgegnet er: „Auf gar keinen Fall, ich bin ja nicht allein, wir sind eine Gruppe von 19 Schmugglern, wir landen alle an demselben Tag, aber wir wechseln ständig die Häfen, in denen wir ankommen. In Marokko gibt es solche Schwierigkeiten nicht. Mein Boss ist ein einflussreicher Mann, der über gute Kontakte verfügt und uns beschützt.“
Mohammed ist nicht der einzige, der dieses Geschäft mit großer Zuversicht betreibt. Die Korruption und die Verwicklung von Staats- und Polizeibeamten ist ein heikles Tabuthema, von dem jeder weiß, es aber auch verschweigt. Nur der amazighisch-marokkanische Menschenrechtsaktivist Shakib al-Khayari hat dieses Thema öffentlich diskutiert und wurde kurz darauf im Februar 2009 inhaftiert. Wie in vielen anderen arabischen Ländern, in denen Meinungsfreiheit lediglich theoretisch gewährt wird, konnte die Polizei ihn nicht wegen dieser Äußerungen inhaftieren. Al-Khayari wurde wegen Bestechung festgenommen. Nach einer Erklärung des Innenministeriums soll er Bestechungsgelder von Drogenhändlern aus dem marokkanischen Ort Nador bekommen haben, um eine Propagandakampagne gegen Drogenhändler der Stadt Ketama, der „Hochburg des Haschischanbaus“, zu führen. Später häuften sich widersprüchliche Anschuldigungen, die ihm die Kollaboration mit ausländischen Geheimdiensten, Drogenbaronen und die Behinderung der Arbeit der Regierung in ihrem so titulierten „heiligen Kampf“ gegen Drogen vorwarfen.

Verstärkte Bemühungen der spanischen Regierung

Anders als ihre marokkanischen Kollegen können die spanischen Journalisten mit dem Zeigefinger auf die Verwicklung marokkanischer Staatsbeamten weisen, was den Drogenkrieg einen transnationalen Zug verleiht und für weitere Spannungen im bereits belasteten Verhältnis zwischen Marokko und Spanien sorgt. Nach dem Attentat von Madrid hat Spanien seinen Kampf gegen Drogen- und Menschenhandel, der zum Großteil über Marokko abgewickelt wird, verschärft. Das Attentat hatte gezeigt, wie Drogenhandel, Migration und Terrorismus miteinander verquickt sind. Der Hauptattentäter des Anschlags in Madrid, Jamal Ahmidan, hatte wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz in einem spanischen Gefängnis gesessen. Nach seiner Freilassung schloss er sich einer fundamentalistischen Gruppe an. Das Geld für den Sprengstoff, bei dessen Explosion 191 Menschen ums Leben kamen, stammte aus Erlösen aus dem Drogenhandel.
Trotz verschärfter Sicherheitsmaßnahmen nach dem Attentat von Madrid ist Spanien nach Angaben der Europäischen Kommission immer noch der Hauptumschlagsplatz für Drogen aus dem Süden, das Haupttor für Menschenhandel von Afrika nach Europa und der größte europäische Konsument des marokkanischen Haschischs. Um letzteres Problem zu bekämpfen, änderte Spanien seine Strategie in der Zusammenarbeit mit Marokko – der Drogenhandel sollte im Keim erstickt werden.

Haschischbarone genießen Immunität

Unter großem internationalem Druck startete König Mohammed VI eine Kampagne gegen den Drogenhandel, die vermutlich niemals die erhofften Ergebnisse bringen wird, weil sie nur die kleinen Drogenhändler erfasst. Die Haschischbarone hingegen sichern sich Immunität garantierende Stellungen im Parlament oder in anderen hohen Staatsämtern.
Mohammed meint zu dieser Kampagne: „Sie sollen erst die Armut und die Arbeitslosigkeit bekämpfen, bevor sie den Drogenhandel bekämpfen. Das sind die Ursachen, die dieses Geschäft blühen lassen. Das sind die wirklichen Faktoren, vor denen die Regierung die Augen verschließt und die die marokkanischen Jungs ins Drogengeschäft und die marokkanischen  Frauen in die Prostitution treiben.“ Im Februar meldete eine marokkanische Zeitung, dass Mauretanien unverheirateten, marokkanischen Frauen ein Einreisevisum grundsätzlich vorenthalte.

Gerade als Mohammed sich verabschiedet, stürmt eine Spezialeinheit der spanischen Polizei in die Hafenhalle des südspanischen Algeciras. In dem aus Marokko angekommenen Schiff wurden zehn Kilo Haschisch bei einem Reisenden gefunden und ein minderjähriger illegaler Einwanderer festgenommen.
Mohammed reagiert abgeklärt: „Das bekomme ich fast jedes Mal mit. Sie träumen alle von Europa. Doch sie werden hier nicht finden, was sie suchen. Vielleicht muss man hier nicht verhungern, aber für jedes Stück Brot verliert man ein Stück Stolz. Wenn ich hingegen in diesem Geschäft etwas auf Spiel setze, ist das eher mein Leben.“

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Das Ende des marokkanischen Festlandes in Tanger- auch Ende der Armut und Perspektivlosigkeit?

Laut Berichten der Europäischen Kommission stammt der Großteil des in der EU gehandelten Cannabisharzes (Haschisch) aus Marokko. Die Erlöse aus dem Haschischhandel betragen in Marokko fast 12 Milliarden Euro. Jährlich versuchen zwischen          15 000 und 20 000 Menschen über die marokkanische Grenze nach Europa zu gelangen. Rund die Hälfte von ihnen sind marokkanische Staatsbürger. Nach Schätzungen spanischer Behörden kommt etwa jeder Sechste bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ums Leben.

Für weitere Infos:

Deutsche Referenzstelle der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht
www.dbdd.de

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