Islamismus auf unterstem Niveau

von Jannis Hagmann (erscheint vorr. in Heft 8, Dez. 2009)

Die Frage, wie Islam im saudischen Bildungssystem vermittelt wird, hat die Welt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 umgetrieben. Seither ist die Regierung bemüht, Lehrpläne und Schulbücher zu revidieren. Reformbedarf gibt es aber auch an den Universitäten, an denen statt kritischem Denken, plumper, vor allem antiwestlicher Islamismus gefördert wird

König-Abdulaziz-Universität, Jidda. Die Abteilung Islamstudien liegt im zweiten Stock der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Links die die Geschichte, rechts die Soziologie. In der Mitte die Abteilung Islamstudien. Ein aufwendig verziertes Tor mit islamischen Kalligraphien ziert den Eingangsbereich zur Abteilung.

Etwa 150 Studenten sind im Studiengang Islamstudien immatrikuliert, eine relativ geringe Zahl verglichen mit vergangenen Zeiten, vor allem aber auch im Vergleich zur Frauenabteilung, in der etwa 500 Studentinnen eingeschrieben sind. „Die Arbeitsmöglichkeiten für unsere Absolventen sind schlecht geworden“, erklärt Dr. Latif, der seit 30 Jahren in der Männerfakultät unterrichtet. „Früher sind die Absolventen in verschiedensten Berufen untergekommen, doch heute stellen Arbeitgeber lieber Studenten mit spezifischen Abschlüssen ein – Verwaltungswissenschaftler und Informatiker zum Beispiel.“ Während viele Studenten früher in der öffentlichen Verwaltung untergekommen sind, geht ein Großteil der Islamabsolventen heute in die Lehre. Einige finden auch eine Einstellung in religiösen Institutionen, die sich der Verbreitung des Islams (da’wa) verschrieben haben. Theoretisch steht den Islamwissenschaftlern zudem der Richterberuf offen. Da aber an den Islam-Instituten anderer saudischer Universitäten spezifische Studiengänge für Richter angeboten werden, entfällt dieser Arbeitsbereich für die meisten Absolventen der Abdulaziz-Universität. „In der Frauenabteilung ist die Lage besser“, fährt Dr. Latif fort, „oft wollen die Eltern, dass ihre Töchter den Islam studieren. Allerdings brechen auch hier viele Studentinnen das Studium vorzeitig ab.“ Wie für ihre männlichen Kommilitonen ist auch für Studentinnen der Lehrerberuf ein häufiges Ziel. Angehende Journalistinnen oder Schriftstellerinnen finden sich ebenfalls unter den Studentinnen. Nicht selten kommt es außerdem vor, dass Frauen, die vor Abschluss ihres Studiums heiraten, gar nicht erst ins Berufsleben eintreten.

Bachelor & Master im Islam

Wer Islamstudien in Saudi-Arabien studiert, ist Studierender wie jeder andere auch. Nach einem anfänglichen Vorbereitungsjahr entscheiden sich saudische Studierende für einen bestimmten Studiengang. Interessenten der Islamstudien haben anschließend einen dreijährigen Bachelor- und einen zweijährigen Masterstudiengang vor sich. Das Masterstudium besteht aus den drei Hauptbereichen „Koran und Sunna“, „Rechtswissenschaft“ sowie „Glaubensbekenntnis und Mission“. In den Seminaren werden verschiedene Themen behandelt wie etwa die Geschichte der Koranauslegung, die Ziele der Scharia, islamische Reformbewegungen, Erbschaftsrecht oder auch Internationale Beziehungen im Islam. Als Voraussetzung für einen erfolgreichen Studienabschluss kommen zusätzliche Fächer aus anderen Studiengängen wie Psychologie und Kommunikationswissenschaft hinzu.

„Die Schlacht ist eine Schlacht der Gedanken“

Doch auch in der Islamwissenschaft selbst werden Seminare angeboten, deren Inhalte auf den ersten Blick nur wenig mit Religion zu tun haben. „Der Islam greift in alle Bereiche des Lebens ein“, erklärt Dr. Afandi den Studenten. „Deshalb ist es wichtig, die Position des Islams gegenüber anderen Denkschulen zu kennen.“ Dr. Afandi unterrichtet das Seminar „Moderne geistige Strömungen“ in der Männerabteilung der Fakultät, in dem in diesem Semester nicht nur Liberalismus, Sozialismus und Existenzialismus auf dem Lehrplan stehen. Auch Atheismus, Demokratie, Globalisierung sowie Pragmatismus werden zu den modernen geistigen Strömungen gezählt.

„Heutzutage versucht die westliche Geisteswelt, mit den Muslimen zu rivalisieren und sie vom Islam abzubringen“, beginnt das Vorwort des Lehrbuches, das in Dr. Afandis Seminar systematisch durchgearbeitet wird. „Die heutige Schlacht ist eine Schlacht der Gedanken und die Front des Konfliktes liegt in den Köpfen der muslimischen Gemeinschaft.“ – „Sind diese Denkschulen in den Ländern des Islams entstanden?“, fragt Dr. Afandi. „Nein, im Westen“, murmeln die Studenten im Chor.

Crashkurs in europäischer Geschichte

Wie die geistigen Strömungen entstanden sind und sich in der islamischen Welt verbreitet haben, lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Im mittelalterlichen Europa herrschte die Kirche. Die Päpste waren allmächtig, die Kirchenmänner korrupt und betrieben Unzucht; Wissenschaft war verpönt. Die Inquisition verbrannte Zehntausende von Menschen und verurteilte prominente Gelehrte wie Galileo, Newton und Kopernikus. Luther und Calvin wehrten sich gegen die Allmacht der Kirche, doch auch sie konnten den menschlichen Verstand nicht von seinen religiösen Fesseln befreien. Dies schaffte erst die Aufklärung, jedoch nur, indem sie die Religion durch den Verstand ersetzte. Im 19. Jahrhundert schließlich wurde die Aufklärung vom Zeitalter des Materialismus abgelöst.

Orientalismus, Kolonialismus, Juden und Studierende

„Vor der geistigen Invasion“, erklärt Dr. Afandi, „basierte die Herrschaft in den Ländern des Islams vollständig auf der Scharia. Sie regelte alle Bereiche des Lebens!“ Doch dann seien europäische Wissenschaftler gekommen, die den Orient erforschten, dabei ihre Denkschulen verbreiteten und den militärischen Eroberungen der Kolonialmächte den Boden bereiteten.

Ein anderes Lehrbuch schildert, dass zusätzlich zu den militärischen Eroberungen nicht-muslimische Minderheiten die Gesellschaften von innen schwächten, während jüdische Organisationen wie der Rotary-Club und die Freimaurer noch heute versuchten, durch wohltätige Arbeit atheistisches Gedankengut zu verbreiten und die Religionen, insbesondere den Islam, zu zerstören. Als weiterer Faktor kämen Stipendien westlicher Regierungen hinzu, mit denen muslimische Studierende unter Druck gesetzt würden, sich dem westlichen Lebensstil anzupassen. Kurz vor Erlangung des Abschlusszeugnisses im Ausland würde ihnen gedroht, das Stipendium zu streichen, wenn sie sich nicht „gewissen Erfordernissen“ anpassen und an Festen, Reisen und anderen verderblichen Dingen teilnehmen würden. Bei ihrer Rückkehr in die muslimischen Heimatländer würden „die Angepassten“ schließlich nichts anderes im Sinn haben als die Sitten der Westler.

Pflichtfach Islamische Kultur

Den Islamstudien ist eine Abteilung angegliedert, die verpflichtende Kurse für alle Studierende der Universität anbietet. Egal ob Mediziner, Germanisten oder Informatiker – um das Fach „Islamische Kultur“, das von Dozenten und Dozentinnen der Islamstudien unterrichtet wird, kommt niemand herum. Die saudische Regierung, die das Fach in den siebziger Jahren zum Pflichtfach erklärte, lässt den Universitäten freie Hand in der Auswahl der Lehrbücher. In Jidda wurden die meisten Bücher in den letzten Jahren durch aktuelle Publikationen ersetzt. In Level 4, das die vorbildliche Gemeinde des Propheten, die Abweichung vom rechten Glauben sowie verschiedene moderne islamische Strömungen behandelt, wird noch mit einem Lehrbuch von 1976 gearbeitet. Unter den drei Autoren des Buches findet sich kein anderer als der prominente ägyptische Muslimbruder Muhammad Qutb, der 1972 als Lehrer nach Saudi-Arabien kam und im saudischen Bildungswesen eine wichtige Rolle spielte (siehe Infobox).

Im Bereich der Geschlechterbeziehungen behandelt „Islamische Kultur“ neben Auskünften zu Sinn und Zweck der Ehe im Islam auch praktische Fragen wie die Auswahl der richtigen Ehefrau. Verschiedene Kriterien wie Wohlstand, Schönheit und Religiosität werden der Reihe nach anhand von Aussagen des Propheten vorgestellt. Allzu oft dient der Westen als Folie, vor der das Vorbild der sittlichen islamischen Gesellschaft veranschaulicht wird. So wird die Rechtfertigung der Polygynie durch eine Studie über das Sexualverhalten der Amerikaner unterstützt. Amerikanische Männer hätten im Durchschnitt mehr Sexpartner als amerikanische Frauen. Im Islam hingegen sei durch die Institution der Mehrehe für die Ehre und die Rechte der Frau gesorgt, betont das Lehrbuch.

Doch auch Themen wie Kulturdialog, Menschenrechte und Terrorismus finden Erwähnung. Terrorismus sei im Islam strengstens verboten, erklärt das Buch des dritten Levels, und habe seine Wurzeln ausschließlich im Westen. Der wahre Terrorismus gehe von Amerika und Europa aus, etwa im Kosovo und im Irak; auch der Mord an den amerikanischen Indianern, die beiden Weltkriege, die amerikanische Invasion Vietnams sowie Palästina finden Erwähnung. Obwohl religiös motivierter Terrorismus in Saudi-Arabien offen diskutiert wird und in den letzten Jahren wie in anderen Ländern auch in aller Munde war, geht das Terrorismuskapitel des Lehrbuches nicht explizit auf al-Qaida und islamistische Terroranschläge ein.

Reform des Bildungssystems

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center, an denen 15 saudische Staatsbürger beteiligt waren, geriet das saudische Bildungssystem im In- wie im Ausland in die Kritik. Unterstützt von Teilen der Königsfamilie haben diese Reformrufe in den letzten Jahren durchaus Früchte getragen. So wurden zahlreiche Inhalte in den Lehrplänen und Lehrbüchern revidiert oder komplett gestrichen. Dabei standen die Schulen und die vom Bildungsministerium herausgegebenen Lehrbücher im Mittelpunkt des Interesses. Eine wichtige Rolle in der Vermittlung des Islams in Saudi-Arabien scheinen aber auch die Universitäten zu spielen, in denen nicht nur religiöse Erziehung stattfindet, sondern vor allem auch Politik betrieben wird.

INFO 1: König-Abdulaziz-Universität

Die König-Abdulaziz-Universität ist eine der großen staatlichen Universitäten Saudi-Arabiens. Anders als die „Islamischen Universitäten“ in Mekka und Medina, die auf religiöse Studiengänge spezialisiert sind, bietet die Uni in Jidda Islamstudien nur als einen neben zahlreichen anderen Studiengängen an. Die Abdulaziz-Universität gilt als eine der liberalen Universitäten des Königreichs.

INFO 2: Muhammad Qutb:

Prominenz erlangte der ägyptische Autor Muhammad Qutb nicht nur durch seine eigenen Publikationen, sondern auch durch seinen Bruder Sayyid Qutb, der in den 50er und 60er Jahren die Ideologie der Muslimbrüder radikalisierte. Sayyid wurde 1966 vom ägyptischen Regime hingerichtet und gilt heute als Vordenker militanter Islamisten weltweit. Muhammad wanderte nach seiner Entlassung aus ägyptischer Haft in den frühen siebziger Jahren mit einer Welle ägyptischer, syrischer und irakischer Muslimbrüder nach Saudi-Arabien aus, wo ihnen politisches Asyl gewährt wurde. Da das saudische Bildungssystem zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen steckte, erlangten die gut ausgebildeten Immigranten einflussreiche Positionen im Bildungssektor, zeichneten für die Erstellung von Lehrplänen und das Verfassen von Lehrbüchern verantwortlich und waren selbst als Lehrer tätig. Diese Migrationsbewegung ließ die Ideen der Muslimbruderschaft mit der saudischen Wahabiyya aufeinandertreffen (eine auf den Reformer Muhammad b. Abdul Wahhab zurückgehende, hanbalitisch geprägte Bewegung). Eine klare Trennlinie zwischen beiden Richtungen kann nicht gezogen werden, doch wurde das saudische Bildungssystem von Denkern beider Richtungen stark geprägt. Muhammad Qutb lebt heute in Mekka.

Die erwähnten Lehrbücher:

- Al-Khauli, Jum’a 1986: al-ittijahat al-fikriya al-mu’asira, o.O.

- Bal’amsh, Faisal Sa’id u.a. 2008: al-thaqafa al-islamiya, Level 3, Jidda.

- Marzu’a, Mahmud Muhammad 2004: madhahib fikriya mu’asira, Jidda.

- Qutb, Muhammad u.a. 1976: al-thaqafa al-islamiya, Level 4, Jidda.

Ein Kommentar

Ein Kommentar to “Islamismus auf unterstem Niveau”

  1. [...] Islamismus auf unterstem Niveau Veröffentlicht am 16. November 2009 von Jannis Die Frage, wie Islam im saudischen Bildungssystem vermittelt wird, hat die Welt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 umgetrieben. Seither ist die Regierung bemüht, Lehrpläne und Schulbücher zu revidieren. Reformbedarf gibt es aber auch an den Universitäten, an denen statt kritischem Denken, plumper, vor allem antiwestlicher Islamismus gefördert wird … (weiterlesen auf http://WWW.DIWAN-BERLIN.DE) [...]

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