Die Macht des Wassers

von Jannis Hagmann (erschienen Heft 9 / Juni 2010)

SAUDI-ARABIEN Einst als Provisorium erdacht, ist ein Abwasser-See nahe der saudischen Küstenstadt Jidda zu einem Langzeit-Politikum geworden. Eine Flutkatastrophe im November 2009 offenbarte zudem Mängel in allen Bereichen des städtischen Wassersystems

Wer in Jidda mit dem Auto unterwegs ist, wird eins bemerken: Erstaunlich viele Tanklaster verstopfen die ohnehin stark befahrenen Straßen in Saudi-Arabiens zweitgrößter Stadt. Viele von ihnen transportieren einen großen, runden Wassertank auf ihrer Ladefläche. Denn die „Braut des Roten Meeres“, wie die Stadt von ihren Bewohnern stolz genannt wird, verfügt über kein deckendes Abwassersystem. Nur etwa ein Fünftel der Haushalte ist an Abwasserleitungen angeschlossen, die restlichen müssen ihr Abwasser in großen Tanks zwischenspeichern und später von Lastwagen abholen lassen.

Macht des Wassers 1

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, was eine Großstadt mit ihrem Abwasser machen kann. Die Brühe kann direkt auf den Grundstücken in Biofiltern oder kleinen Sickergruben gereinigt werden oder aber über ein Rohrsystem bzw. durch Tanklaster in Klärwerke transportiert werden, in denen durch komplizierte Verfahren unerwünschte Bestandteile aus dem Wasser herausgefiltert werden. Jidda hat zahlreiche solcher Kläranlagen, doch übersteigt das anfallende Abwasser die Kapazitäten dieser Werke bei weitem. Nur ein Teil des Abwassers kann gereinigt werden. Der Rest muss entweder auf andere Weise behandelt oder aber direkt ins Rote Meer geleitet werden.

Um Letzteres zu vermeiden, schufen Jiddas Stadtpolitiker den in Medien und Öffentlichkeit liebevoll „Moschus-See“ genannten Abwasser-See östlich der Stadt. Seit über zehn Jahren füllen hunderte von Lastwagen den künstlichen See täglich mit Abwasser, so dass seine Fläche mittlerweile etwa der des Berliner Wannsees entspricht. Das Problem wird auf diese Weise gewissermaßen aus dem Weg geschafft, nicht aber dauerhaft gelöst. Das Gewässer ist stark verunreinigt und Presseberichten zufolge auch chemisch vergiftet – eine Katastrophe für die Umwelt.

Der „Jidda-Tsunami“ (Tageszeitung Al-Medina)

Zusätzliche Brisanz und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erhielt Jiddas Abwasserproblem durch starke Regenfälle, die im November letzten Jahres die Stadt überfluteten und offiziellen Angaben zufolge mindestens 123 Menschen mit in den Tod rissen. Eigentlich haben die Flut und der Abwasser-See nichts miteinander zu tun, denn das vorhandene zentrale Abwassersystem der Stadt ist als sogenannte Trennkanalisation angelegt. Die Entsorgung des Regenwassers erfolgt getrennt vom restlichen Abwasser. Als es am 25. November mehrere Stunden lang regnete und Sturzbäche aus der Wüste in die östlichen Siedlungsgebiete Jiddas flossen, wäre also nur das städtische Regenwasser-, nicht aber das Abwassersystem gefragt gewesen.

Auch wenn Jiddas Regen- und Abwassersystem infrastrukturell weitestgehend voneinander getrennt sind, hängen sie doch in vielerlei Hinsicht eng zusammen. Mangelhafte Stadtplanung, das Primat des industriellen Fortschritts sowie jahrzehntelange Misswirtschaft und Korruption hinterließen ihre Folgen in allen Bereichen des städtischen Wassersystems. So war auch die Flut war keine reine Naturkatastrophe, sondern zu einem großen Teil die notwendige Folge menschlichen Handelns. Für die saudische Öffentlichkeit war offensichtlich, dass dieselben korrupten Institutionen, die für die Flutkatastrophe verantwortlich waren, auch das chronische Abwasserproblem der Stadt bislang nicht gelöst hatten.

Die Idylle trügt: Der „Moschus-See“ ist ein künstlicher Abwasser-See und soll auch chemisch vergiftet sein. Am 11. Mai 2010 ordnete König Abdullah an, den See trocken zu legen

Die Idylle trügt: Der „Moschus-See“ ist ein künstlicher Abwasser-See und soll auch chemisch vergiftet sein. Am 11. Mai 2010 ordnete König Abdullah an, den See trocken zu legen

Hinzu kommt, dass der Wasserpegel des Moschus-Sees durch den „Jidda-Tsunami“ stark anstieg. Stimmen wurden laut, dass die Dämme dem Druck nicht standhalten und Teile der Stadt mit Abwasser überschwemmt werden könnten – ein Szenario, das in der durch die Katastrophe ohnehin stark verunsicherten Bevölkerung Angst hervorrief und von den Medien ausführlich aufgegriffen wurde. Auch war die Gefahr berstender Dämme keine Überraschung. Schon 2008 war der See aus demselben Grund in die Schlagzeilen geraten. Nun, über ein Jahr später, traten dieselben Probleme erneut auf und wieder drohten die Dämme zu brechen. Noch immer gab es keine langfristige Strategie für Jiddas Abwasserproblem. Mittlerweile wurde auf Anweisung des saudischen Königs Abdullah damit begonnen, den See endgültig trocken zu legen und das Abwasser zu reinigen. Aufgrund der Wassermenge wird der gesamte Prozess nicht vor nächstem Jahr abgeschlossen sein.

„Es ist unsere Pflicht, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“ (König Abdullah)

Als sich der König wenige Tage nach der Flut an die Bevölkerung wandte und mit ungewohnter Klarheit ankündigte, alle Verantwortlichen kompromisslos zur Rechenschaft zu ziehen und der Korruption den Garaus zu machen, explodierte die Presse. „So klare Worte des Königs hat es in der Geschichte Saudi-Arabiens noch nicht gegeben“, erklärt der Aktivist und Menschenrechtsanwalt Walid Abul-Khair. Die Zeitungen werteten die königliche Rede als Freibrief, das zuvor tabuisierte Thema Korruption nun offen diskutieren zu können. „Korruption war schon immer in aller Munde, doch niemand konnte darüber schreiben“, sekundiert der Journalist Tariq al-Maeena. Korruptionsskandale wurden aufgedeckt, Stadtpolitiker angeklagt und selbst vor scharfer Kritik an Ministerien schreckte die empörte Öffentlichkeit nicht zurück.

Die Ermittlungen der vom König eingesetzten Untersuchungskommission liefen bislang allerdings wenig transparent. „Sie brauchen bloß Sündenböcke, damit sich die öffentliche Erregung legt“, konstatiert das Stadtratsmitglied Muhammad Abu-Dawud. Zahlreiche Beamte, Ingenieure und Stadtplaner wurden festgenommen und verhört, nicht wenige verhaftet. Doch scheinen der Zeitraum zu lang und die Institutionen, die für die katastrophalen Folgen der Flut mitverantwortlich sind, zu zahlreich, als dass alles genau nachvollzogen werden könnte. „Niemand ist wirklich verantwortlich“, sagt Abu-Dawud, „die Flut ist die Folge von dreißig Jahren Missmanagement.“

Macht des Wassers 2Warum hat Jidda kein deckendes Abwassersystem? Wie konnten ganze Stadtteile in Tälern gebaut werden, durch die sich das Regenwasser seit Jahrtausenden den Weg ins Meer sucht? Wem gehörten diese Gebiete ursprünglich und wer hat die Grundstücke verkauft? Warum hat das Finanzministerium nicht ausreichend Mittel für den Hochwasserschutz zur Verfügung gestellt? Und wohin flossen diejenigen Gelder, die für geplante Abwasserprojekte vorgesehen waren?

Das Flutwasser ist wieder abgeflossen; die Fragen aber, die die Flut angespült hat, bleiben. Auf einige gibt das Beispiel des Bauunternehmers Fahad al-Suliman Antwort. Er war mit dem Bau eines großen Abwassersystems beauftragt worden, für das er hohe Summen kassiert haben soll. Doch statt ein komplexes unterirdisches Abwassersystem zu bauen, begnügte er sich damit, Löcher in den Boden zu bohren und diese mit einem Gullideckel zuzudecken. Niemand wollte den Betrug bemerkt haben. Erst als der Regen dann wirklich kam, flog das Geschäft auf – und Herr Suliman ins Gefängnis.

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UMWELT-INFO: WASSER

Der Begriff „Wassersystem“ umfasst die Wasserversorgung, die Abwasserentsorgung und den Überschwemmungsschutz.

Für die Wasserversorgung wird Grundwasser, Quellwasser, Regenwasser oder sogenanntes Oberflächenwasser (Flüsse, Seen, Meere) benötigt. Das Rohwasser muss aufbereitet und an die Verbraucher verteilt werden. Jidda bspw. hat eine sehr geringe Grundwasserqualität und wenig Niederschlag, sodass die Stadt weitestgehend auf Meerwasser angewiesen ist. Hierfür investierte Saudi-Arabien massiv in Technologien zur Meerwasserentsalzung. Bereits heute kommen rund neunzig Prozent des konsumierten Wassers aus Entsalzungsanlagen. Die Wasserversorgung ist in Jidda im Gegensatz zur Abwasserentsorgung und zum Überschwemmungsschutz weitestgehend gewährleistet.

Das Abwassersystem umfasst den Abfluss des verbrauchten Wassers von Haushalten und Industrie. Es beginnt, wo das Versorgungssystem endet, und kann sehr unterschiedliche Stufen durchlaufen, bevor es wieder zurück in den Wasserkreislauf geleitet wird. Das Abwasser kann in Biofiltern oder Sickergruben wiederaufbereitet oder in Kläranlagen transportiert werden, in denen unerwünschte Bestandteile aus dem Wasser entfernt werden. Der Transport von Abwasser erfolgt in vielen Städten über eine unterirdische Kanalisation. Die Entsorgung von unbehandeltem Abwasser in Seen, Flüsse oder Meere führt zu erheblichen Umweltproblemen – etwa vor der Küste Jiddas, da regelmäßig Abwasser ins Rote Meer geleitet wird.

Der Überschwemmungsschutz beinhaltet Maßnahmen wie den Bau von Schutzdämmen oder Abflusssystemen für Regen- oder Flutwasser (im Gegensatz zu menschlichen Abwässern). In Städten kommt es häufig zur Überlastung des Abwassersystems. Es wird unterschieden zwischen Trenn- und Mischkanalisationen. Trennkanalisationen haben den Vorteil, dass sich Regen- und Abwasser nicht mischen und Regenwasser folglich in Flüsse oder Meere geleitet werden kann. Bei einer Mischkanalisation muss bei starkem Regen auch das Abwasser aus der Kanalisation in Flüsse oder Meere geleitet werden. Dies ist etwa regelmäßig in Berlin der Fall, wo das Abwasser im Innenstadtbereich in eine Mischkanalisation einfließt. Jidda hingegen verfügt über eine Trennkanalisation, die allerdings nur zehn Prozent des Stadtgebiets (20 Prozent der Haushalte) abdeckt.

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