Neukölln mal ganz Multikulti: Eine kulturkritische Betrachtung zum Film ‚Life is a battle’ aka ‘Neukölln Unlimited’
von Anna-E. Younes

Die Rolle der Kritikerin ist oftmals eine, die nicht unbedingt angenehm ist. Besonders dann nicht, wenn das, was man kritisieren möchte, von so vielen anscheinend ganz anders wahrgenommen wird. In dieser Filmkritik möchte ich mich daher nicht nur mit dem Film „Neukölln Unlimited“ beschäftigen, sondern ihn stattdessen nutzen, um die weitergehende politische Bedeutung von Film, seine Beziehung zum „Mainstream“ und die persönlichen Beweggründe der Macher zu behandeln.
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Ohne eine solche Einordnung in einen größeren sozialen Kontext geht Kritik oftmals verloren als das Unterfangen derer, die es nicht mehr schaffen, sich der „Masse“ gegenüber verständlich zu artikulieren. Hauptfokus dieser Analyse ist somit die Frage der Repräsentation in einem Dokumentarfilm, der von sich selbst behauptet, gesellschaftskritisch zu wirken und ein neues Bildvermitteln möchte.
“Neukölln Unlimited“
Der Dokumentarfilm „Neukölln Unlimited“ handelt von einer aus dem Libanon stammenden Familie, denen seit 16 Jahren immer wieder die Abschiebung droht. Ein Mal wurden sie schon abgeschoben, und zwar genau an Maradonas Geburtstag im April 2003 – was traumatisch für die ganze Familie war, besonders aber für Maradona. In 9 Monaten wird das von September 2006 – September 2009 produzierte Bildmaterial (insgesamt 160 Stunden) zusammengeschnitten um die Geschichte der Geschwister Maradona (14), Hassan (18) und Lial (19) in 96 Minuten zu erzählen. Das Bild, das leicht entstehen kann, ist ein Maradona, der den Part eines traumatisierten Jungen übernimmt, der aufgrund von später entwickelten Abwehrmechanismen eine Annahme von aggressiver Machokultur und Breakdance zu den Glanzpunkten seiner Identität erhebt. Hassan vermittelt den Abitur machenden großen Bruder, der etwas paternalistisch versucht, seinen Geschwistern auf ihrem Weg zu helfen – im Gegensatz zu Maradona hat er verstanden, dass man für sein Recht kämpfen und Verantwortung übernehmen muss. Lial ist die Älteste von allen, die zusammen mit Hassan den Hauptteil der Verantwortung in der Familie übernimmt und selbstbewusst ihren Weg verfolgt – ihre frühere (?) Bulimiekrankheit wird auch der Abschiebung zugeschrieben, laut Hassan. Leider erfährt man weniger über Maradona und Lial als über Hassan, der definitiv der Mittelpunkt des Filmes ist. Der Film fällt nicht in den Repräsentationsrahmen, wo Jugendliche mit Migrationshintergrund in Bezug mit Integrationsunvermögen oder Kriminalität gesetzt und dargestellt werden. Daher haben auch viele Zuschauer den Film mit großer Freude unter dem Motto „endlich wurde mal ein anderes Bild über Neukölln vermittelt“ konsumiert und sich kritisch über die menschenunwürdigen Duldungsmechanismen geäußert. Im Folgenden, werde ich versuchen darzustellen, warum diese Repräsentationsform trotzdem problematisch sein kann.
Das Thema des Tages: INTEGRATION
Agostino Imondi und Dietmar Ratsch machten einen Film über die libanesische Migrantenfamilie Akkouch in Neukölln und ihre immer wieder drohende Abschiebung. Leider eine Alltagssituation für über 100 000 Menschen, die versuchen in deutschen Landen zum Teil von „Kettenduldungen“ zu leben. Weil das an sich aber so ein schweres Thema ist, entschieden sich die Macher, das Ganze für ein großes Publikum zugänglich zu machen – man möchte zur Veränderung beitragen und dafür muss man den „Mainstream“ erreichen. Und laut Imondi lässt sich so etwas mit Tanz und Musik nun mal einfach „schöner erzählen“. Eine Theorie der Sozialpsychologie geht davon aus, dass wir alle versuchen, ein positives Bild von uns selbst aufrechtzuerhalten. In Bezug auf Einwanderungspolitik würde das bedeuten, dass auch konstruktive Kritik den positiven Grundcharakter „Deutschlands“ nicht in Frage stellen sollte? Gesagt, getan. Auf Anfrage, was die Beweggründe von Imondi und Ratsch für den Film waren, nannten sie drei Gründe: 1) der Familie „zu helfen, sie zu fördern“; 2) auf das Schicksal von Langzeitgeduldeten hinzuweisen; und 3) Leute aus anderen Kulturkreisen, die Probleme mit der deutschen Kultur haben, mit dem Film ein Vorbild zu geben, dass Multikulti möglich ist. Und weil das Ganze so schön peppig war, sind sich sogar SPIEGEL online, WELT online, und Fluter einig: „Neukölln Unlimited“ zeigt gelungene Integration und dass Multikulti möglich ist!
Eine Multikulti-Integration in der zu Hip Hop Musik gebreakt und gesungen, jeder Euro zwei Mal umgedreht wird, um den Anforderungen der 1500 Euro Einkommensschwelle gerecht zu werden, damit man bleiben kann – obgleich man keine Staatsbürgerschaft besitzt – gewürzt mit einer Priese Waffenkleinkriminalität und Schulverweigerung. Mit etwas Reue und viel Selbstdisziplin reißen sich aber alle zusammen und zeigen somit ihren Integrationswillen – nicht aufgeben, ist die Devise. Die Message des Films: Wenn frau und mann es nur wirklich wollen, geht es auch! Diejenigen, die auf der Strecke bleiben, tun das anscheinend, weil sie sich „kulturell“ nicht angepasst haben. Genau in diesem Moment verliert der Film somit leider seine gesellschaftskritische Wirkung, da er von Anfang an für ein Massenpublikum interessant sein wollte. „Neukölln Unlimited“ wird durch diesen Erzählstrang leider zu einem systemunterstützenden Film, in dem zwar die gesellschaftliche Schwachpunkte aufgezeigt werden, ihre soziale Tragweite aber damit entkräftet wird, dass man nur „fest genug an das System glauben“ muss, um es in ihm schaffen zu können.
Was fataler Weise nicht aufgegriffen wird – und auch nicht Ziel des Films war – ist eine Einwanderungspolitik, die im Rahmen ihrer „Bringschuld an die MigrantInnen“ in Frage gestellt werden sollte. Im Gegenteil, weil im Film „Bringschuld“ und „Status Quo“ nur oberflächlich in Frage stellt, wird „Bringschuld“ bzw. „individuelle Verantwortung“ stattdessen wieder einmal der Ausgangspunkt der Repräsentation. Dass gerade aufgrund einer ökonomischen, sozialen und politischen „Bringschuld“ viele Einwanderer auf der Strecke bleiben – oder aber bewusst keinen Bock mehr haben – und daran anschließend auch die nächsten Generationen, ihre Kinder und Enkelkinder, wird schnell beim Konsumieren des Filmes vergessen. Daher bleibt es bei einem hippen, schnell aneinander geschnittenen „musikalischen Dokumentarfilm mit Migrationshintergrund“ (Imondi), wo obendrein noch neue Vorbilder für die Neuköllner Jugend gezeigt werden sollen (Imondi). Und während Deutschland sich im Großkino tanzende Kids aus Neukölln anschaut und stolz ist auf so viel Integrationsbemühen, wollen 35% der deutschen Akademiker mit „türkischem Migrationshintergrund“ weg aus Deutschland – aufgrund des Rassismus.
Es ist außerdem sicherlich kassenfördernder, die Debatte um die fehlgeschlagene Integration an sozialen „Brennpunkten“ wie Neukölln festzumachen und einzufordern, als an einer Integrations-, Hochschul-, oder Arbeitsmarktkritik fernab von Hochglanzkino. Es ist aber auch immer wieder wichtig, zu bedenken, dass eine Repräsentation auf bestimmten Stereotypen aufbaut und zurückgreift – bei Machern wie auch beim Publikum. Somit zeigt diese Brennpunkt-Integrations-Debatte auch ihren versteckten deutschen Rassismus, indem man das Thema „Integration in die Gesellschaft“ nicht an Marzahn-Hellersdorf festmacht, dessen Bewohner genauso wenig vom Adler-Kuchen abbekommen, wie die Mehrheit der in Neukölln lebenden Familien „mit Migrationshintergrund“. Denn: Integration hat etwas mit „Ausländern“ zu tun; Entfremdung, Perspektivlosigkeit und Chancenarmut mit arbeitslosen „Biodeutschen“ und Neonazis. Letztlich fragt frau sich also, ob es überhaupt richtig ist, die Debatte der „Integrationsunwilligkeit“ an denen festzumachen, die an ihrer Ausweglosigkeit oftmals eher verzweifeln, als dass sie es gar nicht versuchen? Sollten wir nicht eigentlich lieber darüber reden, wie immer mehr Menschen aus dieser Gesellschaft durch Neoliberalismus und Rassismus ausgeschlossen werden?
REPRÄSENTATION und neue deutsche POP-KULTUR
Imondi und Ratsch haben mir in einem fast vierstündigen Publikumsgespräch auch erklärt, dass es eigentlich nicht um Neukölln per se gehen sollte. Es hat sich „nun mal so ergeben“, laut Imondi, dass sie Maradona, den jüngsten Hauptprotagonisten, im Neuköllner Jugendclub „Manege“ kennen gelernt haben. Fasziniert von dem tänzerischen und musikalischen Talent der drei Geschwister ließ sich somit auch noch ein sozial wichtiges Thema wie „Abschiebung“ und „Integration“ mit break-beat, und Hip Hop erzählen. Und wissend, auf welche Ressentiments der nächste Kommentar stoßen könnte, zitiere ich nun doch Ratsch und seine Meinung: „Das Tanzen und Breakdance hat uns total angefixt“. Die Kulturkritikerin bell hooks beschrieb die Obsession der weißen amerikanischen Mehrheitsgesellschaft mit Hip Hop und Rap mit dem Verlangen nach der „Dritten Welt“ – als Gegenpol sozusagen, da wo noch das „Ursprüngliche“ zu finden ist. Im Rahmen von MTV und schnellen Dokufilmen werden Hip Hop und Rap jedoch zu einem Gebrauchsgegenstand, über die andere Werte wie zum Beispiel Integration oder Konsum vermittelt werden können. Die Konsumenten müssen sich aber in solch einem medialen Rahmen nicht mit dem Kontext der Personen oder deren Herkunft auseinandersetzen – Konsum ist was letztlich verbindet. Dass Rap und Hip Hop community-fördernd sind und dort auch ihre Ursprünge hatten, hat seinen Grund – kommt aber auch in diesem Film nicht durch. In Zeiten, in denen Nachbarschaftszusammenhalt im Rahmen von Neoliberalismus und Rassismus immer schwieriger wird, sind Musik und Tanz für Jugendliche Möglichkeiten der Allianzen.
Es ist wahrlich ein hehres Ziel, die Kunst mit der Politik zu verbinden. Und obgleich, laut Machern, das eine mit dem anderen nicht konkret etwas zu tun hatte, vermittelt das Musikalische das Politische doch so viel einfacher. Besonders natürlich dann, wenn mensch das Ziel vor Augen hat, groß ins Kino zu kommen. Anders ausgedrückt ist das Mittel (die Musik) der Weg, um ans Ziel (das Thema Abschiebung einer breiten Masse zugänglich zu machen) zu kommen und mit Stereotypen zu brechen. Warum ist es also problematisch mit schnellen Pop-Kultur-Images ein Massenprodukt zu liefern, das die Geschichten derer erzählt, nach denen sonst nie gefragt wird?
Zum Ersten ist die massenmediale Darstellung von „den Einwanderern“ und deren „Kindern mit Migrationshintergrund“ ein hochpolitisches Thema, egal in welchem Kontext. Jede/r, die/der behauptet, dass dies nicht der Fall ist, hat die letzten Jahrzehnte vom Stammtischrassismus („Alle Ausländer und ihre Blagen raus!“) zum Alltagsrassismus („Sie sprechen aber gut Deutsch!“) bis hin zum elitären Politrassismus (”Eine große Zahl an Arabern und Türken (..) hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich auch vermutlich keine Perspektive entwickeln”) wohl nicht mitbekommen. Während also ein Portrait über Klara aus Oldenburg durchaus möglich ist, ohne gleich alle Deutschen, Ingolstädter oder Norddeutschen zu repräsentieren, ist so etwas im Rahmen von Migrationsthemen so gut wie unmöglich. Und wie der Titel des Filmes ja auch veranschaulichen soll, ist es auch nicht „Akkouch Unlimited“, sondern „Neukölln Unlimited“. Intimität wird verwehrt – Kollektivrepräsentation ist gewollt. Hassan selbst hätte den Film lieber „Life is a battle“ genannt. Bedenkt man nun aber, wie eng Titel und Publikumsaufmerksamkeit zusammenhängen, wird es vielleicht leichter zu erraten, warum Hassans Vorschlag nur der Arbeitstitel blieb?
Des Weiteren liefert „Neukölln Unlimited“ schöne Bilder, nur meistens leider ohne Kontext. Hassan zum Beispiel ist der große Bruder, der versucht, die Familie zusammenzuhalten und als Vorbild zu agieren. Wir erfahren, dass er gut tanzt, sein Abi macht und seinen Familienmitgliedern Ratschläge gibt. Wir erfahren zum Beispiel nicht, warum er tanzt. Warum er Hip Hop als Ausdrucksmittel wichtig findet oder wie er dazu kam. Auch nicht, wer sein musikalisches Vorbild ist, dass er Hip Hop nutzen will, um etwas auszusagen, und dass er sich in seiner breakdance group „Fanatix“ „Hass“ nennt. Hassan hätte mehr Musik und Tanz in den Film gebracht – was im ersten Moment abstrus erscheint, da der Film ja hauptsächlich genau das ist. Wenn man aber bedenkt, dass im Film Musik und Körper nur dargestellt, aber nicht erläutert oder erklärt werden, kann man das nachvollziehen. So wirklich verstanden hat man „breakdance“ oder Hassans, Lials und Maradonas Liebe zur Musik nicht wirklich. Und weil der Film so viel zeigt, aber so wenig erklärt, ist es verständlich, dass Hassan immer wieder im Gespräch darauf zurückkam.
Lial, die verantwortungsbewusste und reflektierte Schwester, wird als Gegenteil zu Sarrazins „unterdrücktem Kopftuchmädchen“ (Sarrazin) präsentiert. Mit ihrer selbstbewussten Art öffnet Lial für den deutschen „Mainstream“ eine Kategorie, die man mag: So schreibt politik.de dann „wohlwollend“, dass sie „gut ausgebildet (ist), kreativ (ist), fast akzentfrei Deutsch spricht und ohne Kopftuch selbstbewusst und mit kräftigen Farben geschminkt durch Berlin läuft“. Was passiert ist, in über 50 Jahren Einwanderungspolitik, ist, dass wir Frauen weiterhin für Fragen der „sichtbaren Integration“ benutzt werden: Ohne Kopftuch ist gleich selbstbewusst, integriert. Mit Kopftuch ist gleich unterdrückt, nicht-integriert. Selbstbewusste, integrierte Kopftuchträgerinnen im öffentlichen Diskurs gibt es hauptsächlich vor Gericht: entweder tot oder vom Lehramt ausgeschlossen. Hip Hop tanzend verkörpert Lial schnell die starke Frau, die es geschafft hat, nicht nur eine noch eher männlich dominierte Musikrichtung zu meistern, sondern auch selbstbestimmt ihren Weg zu gehen. Dabei kann aber auch übersehen werden, wie verletzbar wir Frauen nicht nur am Rande der Gesellschaft sind und bleiben. Dass auch die Gesellschaften, denen keine Perspektiven gegeben werden, ihre Ohnmacht erst recht nach Innen verlagern: zu Ihren Kindern, Frauen, und denen, die anders leben wollen. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen sind somit ein Grund mehr, weshalb in diesem Film Tanz und Selbstbestimmung so eng verbunden sind. Auch Hassan, der sich dem deutschen Kategorisierungsdiskurs bewusst ist, versucht die Integrationsfrage unter anderem an Lial zu erklären, wenn er auf die „integriert moderne Einstellung“ seiner Familie damit hinweist, dass Lial „tanzen darf“. Wichtig ist jedoch, dass es von Hellersdorf, über Mitte bis Britz das Gleiche ist: Der Raum von Macht wird enger – und an uns Frauen, wie wir leben und uns anziehen, wird er festgemacht. Natürlich auch in Neukölln, dabei geht es aber schon lange nicht mehr nur um Integration. Als Gesellschaft sollten wir uns vielmehr mit den grundlegenderen Fragen beschäftigen, wie wir es schaffen können, Gerechtigkeit in einem ungerechten System aufrechtzuerhalten – was aber definitiv nicht Ziel des Films war, als er Integration behandeln wollte.
Maradona ist der Protagonist, der seinen zwei Geschwistern, die wie so viele die administrativen Formalitäten zu Hause regeln, am meisten Sorgen bereitet. Auch hier zeigt der Film zwar einen jungen Mann „mit Integrationsproblemen“ (Waffenbesitz, Schulverweise) aber nur im Rahmen von Trauma (aufgrund der Abschiebung). Und natürlich bringt Maradona auch eine „coole“ Männlichkeit mit, welche die Verweigerungshaltung zum eigenen Souveränitätshoheitsgebiet im Alltag erhebt. Dass „Kriminalisierung“ und Verweigerung auch andere Gründe haben könnten, kommt nicht durch. Der Ton, den auch sein großer Bruder Hassan immer wieder im Film anschlägt, besagt, dass man sich ändern muss, dann wird auch alles besser. Verweigerung und Kriminalisierung also als psychisch-persönliches Problem, in keiner Weise jedoch als strukturell-soziales Problem. Maradona, der mittlerweile deutscher Meister im Breakdance geworden ist, trägt abwechselnd eine Libanon- und eine Palästina-Kette. Laut Hassan im Interview, aufgrund der Solidarisierung mit seinen palästinensischen Freunden. Maradona wird auch gefilmt, wieder einmal ohne Kontext, auf der größten Demonstration in Berlin gegen den Krieg gegen Gaza im Januar 2009. Dass Maradona hier ohne Kontext neben einer blutüberströmten Babypuppe und „Intifada bis zum Tod“ und „Allahu akbar“-Sätzen gezeigt wird, macht noch nicht einmal sichtbar a) warum Maradona da überhaupt mitläuft? Und b) wie es dazu kommt, dass zu solchen Demonstrationsmitteln gegriffen wird? Laufen Araber nur bei Palästina Demos mit, weil’s im „Blut“ liegt, oder weil es vielleicht sogar etwas symbolisieren könnte? Nach der Ablehnung bei „Supertalent“ gibt es dann auch noch die schön inszenierte halb-nackt Tanzszene, in der er seine Gefühle „durch Tanz ausdrückt“, wir mir im Publikumsgespräch erklärt wird. Einer anonym bleiben wollenden Zuschauerin ermöglichte erst diese Szene, welche die „körperliche Verletzbarkeit“ ausdrücken sollte, dass sie „sich plötzlich mit ihm identifizieren konnte“. Aufgrund von Maradonas Coolness war ihr vorher eine Identifizierung nicht möglich gewesen. In diesem Zusammenhang wird vielleicht die Tragik und Reichweite einer solchen Repräsentation klar.
Verhältnisse: DARSTELLER und DARSTELLENDE / FILM und ZUSCHAUER
Wichtig ist natürlich auch darauf hinzuweisen, dass dieser Film immer unterschiedlich gesehen werden kann: Ein bestimmtes Publikum aus Neukölln, zum Beispiel, kann die herausgelassenen Realitäten, Gefühle und Hintergründe für Taten und Motivation selbst einfügen beim Filmkonsum und somit einen Film sehen, der sie nicht nur als Opfer oder Täter tituliert – eine Darstellung, die dringend nötig ist, wie sich ja auch in der breiten Unterstützung für den Film zeigt. Ein anderes Publikum kann aber auch einfach nur eine Bestätigung von „gelungener Kulturintegration“ sehen ohne politische, ökonomische, oder rassistische Hintergründe der Mehrheitsgesellschaft wirklich weiter in Betracht zu ziehen. Weil Filme also bei vielen gut ankommen, heißt das noch lange nicht, dass sie bei allem aus den gleichen Gründen gut ankommen.
Es geht mir in dieser Kritik nicht darum, Filmemacher, Darsteller oder Rezipienten anzuklagen. Vielmehr verstehe ich deren Herangehensweise als eine Normalität. Es passiert immer wieder, dass mensch sich vorher nicht darüber im Klaren ist, mit welchen Zuschreibungen und problematischen Repräsentationen gespielt wird. Dass dies meist noch nicht mal böser Wille ist, ist unbestritten. Genauso wie versteckte Formen von Rassismen, Sexismen oder anderen Diskriminierungsformen gegenüber körperlich/psychisch Beeinträchtigten geschehen diese ja oftmals so unbewusst, weil sie so tief in uns verankert sind. Wenn es dann auch noch um eine Darstellung in einem filmischen Sinne geht, wird es doppelt problematisch. Protagonisten können sich gar nicht „natürlich“ darstellen/repräsentieren, sobald eine Kamera dabei ist. Wir legen immer eine Performanz an den Tag, die wiederum auf den Realitätskategorien basiert, die Teil von unserer Realität sind – eine Realität, die wir produzieren und reproduzieren. Dass diese Kategorien aber in anderen Kontexten ganz andere Bedeutungen haben könnten, vergessen wir oftmals. Und die Filmemacher vergessen auch sehr oft, dass sie als „Macher“ somit das Problem der Inszenierung des Individuums genauso beachten müssen, wie den Fakt, dass sie jemanden darstellen mit ihren Mitteln, durch ihre Augen, mit ihrem Schnitt.
Somit sind die selektiven Darstellungen in diesem Film keine „falschen Darstellungen“, sondern „selektive Darstellungen“. Das wiederum bedeutet, dass Prozess und Inhalt verkürzt dargestellt werden. Und so wird „Neukölln Unlimited“ zu einer schön anzuschauenden Pop-Übersetzung für die Leute, denen der Zugang und Kontext im Alltäglichen fehlt. Für die, die den Zugang sowieso haben, ist es ein schöner Film, in dem endlich mal die gezeigt werden, die sonst meist als Täter oder Opfer, aber meist ohne komplexeres Eigenleben, dargestellt werden – mehr aber auch nicht. Die überschwänglichen Reaktionen auf diesen Film zeigen aber auch, wie „deutsch“ unsere Film- und Kinoproduktion immer noch ist und dass sich etwas ändern muss, damit sich eine neue Generation mit dem Visualisierten überhaupt wieder identifizieren kann.
FAZIT: Dokumentarfilme, Realität und Pop-Kultur
Wenn Imondi also stolz hervorhebt, dass dies ein „Film ist, der von Migranten erzählt wird“ und der, laut fluter.de, aufräumt „…mit Stereotypen von integrationsunfähigen jungen Menschen mit Migrationshintergrund“ sollte man diese beiden Zitate doppelt hinterfragen. Erstens, wie oft sind Filme überhaupt von ihren Protagonisten erzählt? Werden sie nicht eher von den Machern erzählt? Und wenn der Film eigentlich über Abschiebung reden wollte, warum reden alle von „Multikulti-Integration“? Und warum bleibt der Film verhaftet in einer neoliberalen Logik, in der „Versagen“ dem Individuum zugeschrieben wird, aber nicht genauso dem „System“?
Letztlich drängt sich mit diesem Film einmal mehr die Frage auf, wie man sozialkritische Themen im Film so aufarbeiten kann, dass sie von einer breiten Masse konsumiert werden können? Geht das überhaupt? Wenn man die „Masse“ als Ziel hat, wird es dann nicht immer eine verkürzte Version der Darstellung, die allen Zuschauern ermöglicht, mit ihren „Kategorien“ das zu sehen, was sie sehen wollen? Werden so die Kategorien des „Mainstream“ überhaupt angreifbar?
„Neukölln Unlimited“ ist somit auch ein Aufruf, dass Themen wie Integration, Abschiebung, sozialer Ausschluss und Verweigerung öfter thematisiert werden müssen – vielleicht diesmal mit weniger Effekten, aber mit mehr Inhalt – auch wenn der manchmal schwerer verdaulich ist und nicht in allzu viele Kinos kommt.
2 Kommentare
Zuerst möchte ich danke sagen für diesen Beitrag, denn selbst wenn man nicht mit allen Standpunkten übereinstimmt, lohnt es sich darüber nachzudenken.
Ich habe den Film am Sonntag gesehen, konnte aber leider nicht mehr zu dem Publikumsgespräch bleiben. Ich bekam also die Kommentare der Protagonisten zu “ihrem” Film nicht mit. Allerdings würde ich eher die Meinung vertreten (abgesehen davon, dass natürlich 96min nie ausreichen um so ein Thema und die Personen umfassend zu beleuchten), dass es wichtiger ist, dass ein Film zu diesem Thema die breite Masse anspricht (eben durch den Titel und die Hip Hop und Tanzelemente) um diese zum Nachdenken zu bewegen. Leute, die sich einen differentierteren und schwierigeren Film ansehen würden, beschäftigten sich meist schon mit der Problematik und sind relativ offen und aufgeklärt.
Zudem möchte ich anmerken, dass der Film bei mir nicht den Eindruck hinterlassen hat, als würde er das Individuum und nicht das “System” für das Versagen verantwortlich machen. Dazu fallen mir drei Stellen ein: Einmal sagt Hassan über seine Mutter, dass sie Arbeit hatte, dann wurden sie abgeschoben, die Familie ist zurück gekommen, dann hat sie keine mehr bekommen. An anderer Stelle spricht Hassan mit dem Berliner Innensenator und beschwert sich über die Willkürlichkeit des Systems und die persönliche Verweigerung des Senators, die Familie weiterhin in Deutschland zu dulden. Hier, finde ich, wird das Versagen des Systems deutlich oder auch wenn erwähnt wird, dass z.B. Kinder in ihr “Heimatland” zurück geschickt werden, dessen Sprache sie nicht sprechen und das sie noch nie gesehen haben.
Sehr gut hat mir aber auch gefallen, dass in dem Gespräch zwischen Lial und ihrer Freundin oder auch öfters in Hassans Kommentaren durchaus der deutsche Alltagsrassismus deutlich wurde, etwa auf deutschen Ämtern oder mit der Frage: “Wo kommst du her?” (gewünschte Antwort “Afrika”) Ich hoffe, dass diese Filmsequenzen viele Zuschauer auch über das eigene Denken und Verhalten reflektieren ließen.
[...] Artikel geschrieben, der sich vor allem mit den Intentionen der Filmemacher kritisch beschäftigt: Neukölln mal ganz Multikulti: Eine kulturkritische Betrachtung zum Film ‚Life is a battle’ aka …. Ich fand das ziemlich überzeugend, auch wenn ich nach zwei Mal sehen noch immer zu denjenigen [...]