Grenzen errichten
Über die Rolle von Islambildern im europäischen Schulunterricht
von Gerdien Jonker ersch. in Heft Dez. 2009
Wer bereits die Zeit gefunden hat, sich das neue Yearbook of Muslims in Europe anzuschauen, kann feststellen, dass sich zu den Begriffen „Gastarbeiter“, „Exilsucher“, „Flüchtling“ und „Konvertit“, also den Kategorien der (west-)europäischen Wahrnehmung von Muslimen in Europa, eine neue hinzugesellt hat, nämlich die des „indigenen“ oder „ethnischen“ Muslims. Seit vor zwanzig Jahren die Mauer fiel, das Ende des Kalten Krieges erklärt wurde und die EU sich in Richtung Ost- und Südosteuropa auszudehnen begann, sind auch europäische Länder in den Blickpunkt geraten, in denen Muslime traditionell beheimatet
sind.

Auf dem Bild schütteln sich – historisch inkorrekt – Gottfried, 1098 der erste „König“ von Jerusalem, und Salah al-Din, der Eroberer der Kreuzfahrerstaaten, um 1290 die Hand. Quelle: Gailer, Jacob E., Erzählungen aus der Weltgeschichte. Wesel: Bagel 1839.
Die Grenze zwischen Wir und Nicht-Wir
Das EU-Mitglied Griechenland gehört zum ältesten Siedlungsgebiet der Osmanen in Europa. Im Norden wohnt immer noch eine große indigene muslimische Bevölkerung. Das Land hat das orthodoxe Christentum als Staatsreligion in der Verfassung verankert und erkennt Muslime nicht als gleichberechtigt an. In der öffentlichen Wahrnehmung handelt es sich bei ihnen nicht um „religiös Andere“, sondern um Türken, Bulgaren und Albaner, also um „national Andere“, die durch Loyalitäten jenseits griechischer Grenzen eine potentielle Bedrohung für die nationale Sicherheit seien. Dieser Blick auf die indigenen Muslime verweist auch auf die gegenwärtige Herstellung der Grenze zwischen Wir und Nicht-Wir, zwischen Europäern und Nicht-Europäern. Geographisch verläuft die Grenze heute zwischen Griechenland und der Türkei, mit Zypern als traurigem Beispiel. Eine zweite Grenze bildet sich gegenwärtig in Osteuropa heraus. Das Yearbook of Muslims in Europe vermeldet, dass auch in Lettland und Litauen, in Ländern also, in denen das Zusammenleben mit Muslimen traditionell eher unproblematisch war, die Angst vor und Ablehnung von Muslimen steigt. Griechenlands propagierte Position als Erbe der Antike in und für Europa verweist darauf, wie tief die Grenzziehung zu den Muslimen und dem Islam im Bewusstsein der Westeuropäer verankert ist. Sie hat dazu beigetragen, die Erinnerung an längst vergangene Grenzziehungen zu Muslimen wach zu halten und den Blick auf die Existenz indigener muslimischer Bevölkerungen in Europa erfolgreich zu verstellen.
Alte Wahrnehmungsmuster
Wie kein anderes Massenmedium spiegeln Schulbücher die Arbeit an der Grenze. Schulbücher vermitteln Heranwachsenden die offizielle Sicht der Dinge. Sie legen fest, wer wir sind, wo wir herkommen bzw. wo unsere Wurzeln liegen und welche unsere Rolle in der Welt ist. Für die meisten Geschichtsbücher Westeuropas ist „Wir“ eine kollektive Identität, die der säkularen und christlichen Tradition verpflichtet ist, das Erbe der Antike verwaltet und noch viele Sichtbeschränkungen auf die Welt, in der wir heute leben, beibehält. In den meisten Geschichts- und Geographiebüchern Westeuropas gilt das Islam-Narrativ als die Stelle, an der zwischen Wir und Nicht-Wir unterschieden wird. Dabei wird auf Erzähltraditionen zurückgegriffen, die die Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte verfestigen – damals nämlich, als die Araber sich aufmachten, Europa zu besiedeln, die „Türken vor Wien“ standen und die Tataren Polen bedrohten. Dass Muslime bereits lange zu den historischen Bevölkerungen Europas gehören und dazu beigetragen haben, Europa sein Gesicht zu geben, wird nicht erzählt. Die Schulbücher historisch, politisch und kulturell ganz unterschiedlicher Länder halten Muslime und „Europäer“ auseinander, statt sie in einen Zusammenhang zu stellen. Für das Schulbuch gilt, was für die Geschichtsschreibung als Ganzes zutrifft. Es stellt die Vergangenheit so dar, dass sie in die Gegenwart „passt“, und erklärt gegenwärtige Phänomene mithilfe alter Wahrnehmungsmuster. Schulbücher in Westeuropa sind in dieser Hinsicht nicht anders als Schulbücher in Nordafrika, nur sind die Phänomene, die es jeweils zu erklären gilt, unterschiedlich. Für Westeuropa gelten zum Beispiel die neuen Immigrationen und die damit einher gehende Entstehung von Zweiklassen-Gesellschaften als Phänomen. Als Phänomen gilt auch die Wut der 2. und 3. Generation der Einwanderer, die sich oftmals um ihre Zukunft betrogen und als Bürger zweiter Klasse behandelt sehen. Ein drittes Phänomen, das nach Erklärung verlangt, sind schließlich die Anschläge, die mit dem 11. September ihren Anfang nahmen und in London und Madrid eine Fortsetzung fanden. In den Schulbüchern werden diese drei unterschiedlichen Phänomene oftmals zu einer einzigen Erzählung verarbeitet, die ins alte Erzählmuster eingepasst wird.
Von Sarazenen und Mooren
Die Anfänge der Islam-Erzählung in deutschen Schulbüchern reichen bis in die Zeit zurück, als die Osmanen den Balkan eroberten und die Kriegsdrohung die deutschen Länder erschütterte. Deutsche Reformatoren sowie Gegenreformatoren beeilten sich, die Lage zu nutzen, indem sie dem jeweils anderen vorwarfen, mit dem Feind gemeinsame Sache zu machen. Beide Seiten griffen dabei auf das von der Kirche überlieferte Wissen über die Araber – Sarazenen oder Mooren genannt – zurück und verknüpften eine verquere Faszination über die andere Religion mit Gruselgeschichten über die „Türggs“. 1871, mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs, wurde die Islam-Erzählung im Curriculum unter der Eintragung “Die Kreuzzüge“ festgeschrieben. Das hätte auch anders kommen können. Die Forschung hatte inzwischen einen unverkrampften und kenntnisreichen Blick auf die Welt des Islam entwickelt und mit der Annektierung Bosniens im Habsburger Reich wurde es Osmanen erstmals ermöglicht, sich nördlich ihres Einzugsbereichs wohnhaft niederzulassen und Handelsbeziehungen zu knüpfen. Das ganze 20. Jh. hindurch wiederholten die Geschichtsbücher jedoch das alte Erzählmuster. Nach dem Wir-Narrativ von der griechischen und römischen Antike, dessen Erbe die Deutschen angetreten hatten, folgte der Auftritt von Mohammed in Arabien. Die Erzählung schritt dabei die wohlbekannten Stationen ab: (1) Mohammed „entdeckt“ eine neue Religion, (2) seine Anhänger erobern die europäischen Küsten, (3) die Westeuropäer ziehen aus, Jerusalem aus der Hand der Ungläubigen „zu befreien“.
Seit den 1980er Jahren sitzen in den Schulklassen der BRD aber auch die Kinder der ersten Generation muslimischer Einwanderer. Diese neue Situation, aber auch die fortschreitende Globalisierung konnten nicht ohne Folge für die monoperspektivische, abendländische Betrachtungsweise der Kreuzzüge bleiben. Deren Darstellung wurde in Teilen verändert, in entscheidenden Passagen wurden aber überkommene Deutungen – wie der „europäische“ Charakter des christlichen Glaubens – fortgeführt.
Indigene Muslime
Die weitere fatale Verkettung dieser Erzählung mit dem Gastarbeiter“-Narrativ und Berichten über muslimischen Fundamentalismus und Extremismus hätte vermieden werden können, wären „Europäer“ und „Muslime“ inzwischen in einen Zusammenhang gestellt worden. Schließlich hatten sich bereits in den allerersten Kontingenten von Billigarbeitern aus Südosteuropa Albaner und Bosnier befunden, die sich in der Folge unermüdlich als Gesprächspartner anboten, um ihre Erfahrungen mit dem europäischen Islam zu teilen. Spätestens im Bosnienkrieg 1992-1995 konnten ihre Gesprächspartner dann auch die osmanisch-christlichen Städtelandschaften im Fernsehen bestaunen, die in dem Moment unwiderruflich verloren gingen.Ein Blick in die 2008 und 2009 veröffentlichten deutschen Geschichtsbücher zeigt jedoch, dass in Deutschland die arabische Welt weiter für „den Islam“ steht. Jedes Kind lernt, darunter das Leben des Propheten, den Koran, die religiösen Gesetze, die Kreuzzüge, die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, den Islamismus und die zunehmende Gewalt sowie die muslimischen Einwanderer nach Europa miteinander zu verbinden. Allerdings zeichnet sich eine gespaltene Entwicklung ab. Während die südlichen (katholischen) Länder das alte Erzählmuster weiter fortschreiben, betten die nördlichen (protestantischen) Länder den Islam in eine größere Erzählung über „drei Religionen“ ein. Das Yearbook for Muslims in Europe hat mit seiner Veröffentlichung eine Kategorie eingeführt, die erstmals indigene Muslime als Teil Europas begreift. Damit bietet es der For
schung und der Lehre neue Chancen. Der Weg von der Forschung bis zum Schulbuch ist bekanntlich lang, länger als zu den anderen Medien, den Romanen, Zeitungsberichten und Arte-Dokumentationen. Daher gilt es, auch Schulbücher in den Forscherblick zu nehmen, solange, bis die Sichtbeschränkung auf die Welt, in der wir heute leben, aufgelöst ist.
Dr. Gerdien Jonker leitet seit 2005 das Projekt 1001 Idee im Georg Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Von ihr erschienen zahlreiche Publikationen über die religiöse Ethnographie in muslimischen Gruppen und Gemeinden in Europa. Zuletzt publizierte sie “Narrating Islam. Interpretations of the Muslim World in European Texts.” London: IB Tauris 2009. Das Yearbook of Muslims in Europe (hrsg. von Jorgen Nielsen) beinhaltet Länderberichte, Analysen und Buchbesprechungen. Für 37 Länder werden die aktuelle Bevölkerungszusammensetzung, staatliche Vorgaben für die Religionsausübung, die wichtigsten muslimischen Organisationen, die wichtigsten Debatten im öffentlichen Raum in 2008 und die öffentlich anerkannten Feiertage dargestellt. Neben den EU-Mitgliedern wurden auch alle Antragsteller auf Mitgliedschaft berücksichtigt. Die im Jahrbuch versammelten Daten erlauben zum ersten Mal eine Gesamtschau über die Lage der Muslime in Europa. Im nächsten Jahrbuch (2010) sollen ebenfalls die Russische Föderation und der Kaukasus mit einbezogen.
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