Sufismus in der Türkei

von Yunus Yaldiz (ersch. Heft 9/Juni 2010)

Teil von Atatürks Modernisierungsprogramm war das Verbot aller mystischen Bruderschaften.
Doch das sufische Erbe lebt trotz aller staatlichen Restriktionen auch in der heutigen
Türkei fort, wenn auch oft in gewandelter Form.

______________________________________________________________

Während säkular gesinnte Türken das Ende des Osmanischen
Reiches meist als Befreiungsakt in Erinnerung
behalten, wurde dieses Ereignis unter religiös orientierten
Gruppierungen stets als Verlust angesehen. Auch der Sufismus
in seiner besonderen osmanischen Prägung, mit
seinen Bruderschaften (tarikats) und Logen (tekkes), wird
häufig als verklärtes Märchen, als Relikt aus einer alten
Welt betrachtet. In den letzten Jahren änderte sich die
Einstellung vieler Menschen in der Türkei gegenüber ihrer
osmanischen Geschichte. Einige sehen darin nun nicht
mehr in erster Linie das ungewollte Erbe, sondern einen
jahrhundertealten Kultur- und Wissensschatz.
Säkularisierung von oben
Die Sufiorden auf dem Gebiet der heutigen Türkei weisen
eine über 400-jährige traditionsreiche Geschichte auf. Diese
wurde mit der Gründung der türkischen Republik 1923
und der Einschränkung religiöser Freiheiten durch Mustafa
Kemal Atatürk nahezu beendet. Im Jahre 1924 wurden
per Gesetz alle religiösen Autoritäten, darunter Prediger,
Muezzine und Şeyhs, unter die Kontrolle des Ministeriums
für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) gestellt und
somit zu Staatsdienern gemacht. Nachdem man die kurze
Zeit später ausgebrochene Rebellion Şeyh Saids im hauptsächlich
kurdischen Südostanatolien blutig niedergeschlagen
und ihn zusammen mit Dutzenden seiner Anhänger
zum Tode verurteilt hatte, wurde das Gesetz verschärft.
Vom Jahr 1925 an sollten alle tekkes geschlossen und somit
der Sufismus in der neu entstehenden Republik vollends
beseitigt werden. Zudem wurden die religiösen Titel
Hoca, Şeyh und Dede verboten. Hatten einige tekkes schon
während der letzten Jahrzehnte des Osmanischen Reiches
nur noch eine marginalisierte Bedeutung und somit auch
finanzielle Schwierigkeiten gehabt, so stellte die Gründung
der Republik den endgültigen Tiefpunkt im Niedergang
des türkischen Sufitums dar. Viele Bruderschaften begaben
sich nach dem Verbot in die Balkanländer und bestehen
dort seitdem fort.
Die Wandlung der Bruderschaften
Es existieren im Großen und Ganzen zwei Arten von Nachfolgern
der osmanischen Sufiorden: Jene, die das Sufitum
zunächst nur im Geheimen praktizierten, und andere, wie
die Mevlevis, die wegen ihres öffentlichen Tanzes außerordentlich
populär wurden. Infolge des Verbotsgesetzes
von 1925 wandelten sich die tarikats, allen voran die
Nakşibendis, zunehmend zu religiösen Gemeinschaften
(camaat). Diese werden heutzutage durch religiöse Stiftungen
(vakif), politische Parteien oder fromme Industrielle
finanziert, so dass sie sich meist in einem wirtschaftlichen
Abhängigkeitsverhältnis befinden. Oftmals schlossen sie
sich auch aus eigener Überzeugung politischen Parteien
bzw. ideologischen Gruppen an. Während die ursprüngliche
Lebensweise der Sufis großteils aus ihrem Alltag verschwand,
liegt der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten meist
auf Koran- und Hadithunterricht. Genaugenommen stellen
die camaats also nicht die direkten Nachfolger der aus
osmanischer Zeit stammenden tarikats dar, sondern eine
nach Gründung der Republik grundlegend gewandelte
Form der religiösen Gemeinschaft.
Ethik statt mystischer Einheit
Im Rahmen ethischer und selbstläuternder Praktiken liegt
das Hauptaugenmerk vieler heutiger Sufis auf der Nachahmung
der Prophetensunna oder der Rezitation von Koranversen.
Dies hat ganz offensichtlich nicht mehr viel mit
mystischen Lehren gemein. Allerdings entstammen auch
noch einige Regeln dem klassischen Sufismus, wie er sich
zwischen dem 3./9. Jh. und dem 6./12. Jh. herausbildete.
Dies zeigt sich insbesondere im Verhältnis zwischen Lehrmeister
(Şeyh) und Schüler (murid): Aufgabe des Meisters
ist es, dafür Sorge zu tragen, dass der Schüler auf dem
rechten Weg bleibt. Eine zentrale Rolle spielt dabei noch
heute das Training der Seele bzw. des Selbst (nafs). Doch
anders als in manchen Strömungen des klassischen Sufismus
wird dabei nicht mehr das Entwerden (fana‘) der
Seele, d.h. die vorübergehende Auslöschung des Ich-Bewusstseins,
angestrebt, sondern lediglich wert auf die Bändigung
der Triebseele gelegt. Es wird also häufig nicht das
Verschmelzen in Gott gelehrt, sondern die ethische Praxis
in den Vordergrund gestellt. Neben der Selbstreinigung
und der unbedingten Leitung durch den Şeyh hat sich bei
einigen Sufis auch die Betonung der Liebe gegenüber Gott
und dem Propheten als mystisches Element erhalten.
Sufis in der Mitte der Gesellschaft und als Touristenattraktion

Kennzeichen der modernen Nakşibendis ist es, dass selbst                                                                                                          ihre Șeyhs den asketischen Rückzug aus der Welt oftmals
ablehnen und stattdessen zu Engagement und Anteilnahme
am Gesellschaftsleben aufrufen. Oft haben sie entweder
eine Stelle an der Universität oder einen Managerposten
inne. Ihre Lehren erinnern daher an die Malamatiya,
eine mystische Richtung, die im Nordostiran (Khorasan)
gegen Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts entstand:
Sie waren meist Handarbeiter und erstrebten nicht
die Abkehr, sondern die Verschmelzung mit der Gesellschaft.
Während die Nakşibendis – mit ihrer Betonung
einer religiösen Alltags- und Berufsethik – heutzutage die
Mehrheit unter den türkischen Sufis darstellen, dürfte den
„tanzenden Derwischen“ der Mevlevis international wohl
der höchste Bekanntheitsgrad zukommen. Um das Risiko,
durch staatliche Stellen vollends aufgelöst zu werden, zu
minimieren, nahmen sie es in Kauf, sich nach außen als
beliebte Touristenattraktion zu präsentieren.
Ausharren in der Illegalität
Was die Nachfolge vieler anderer osmanischer Sufibruderschaften
angeht, tappen wir größtenteils im Dunkeln. Bislang
gibt es hierzu kaum Forschungsarbeiten. Es ist davon
auszugehen, dass sie teils ausgestorben sind, teils insgeheim
abseits der Metropolen in Zentral- oder Ostanatolien
weiterexistieren. Selbst in der heutigen Türkei, die ja derzeit
von einer muslimischen Partei, der AKP, regiert wird,
bleibt der illegale Status der Sufiorden offiziell bestehen,
so dass von einem Aufleben oder gar einer Wiedergeburt
dieser fast schon seit hundert Jahren unterdrückten Tradition
nicht die Rede sein kann. Zwar vollzieht sich seit
Jahren eine schleichende Lockerung des Verbots, zwar
werden einige Restriktionen abgemildert, doch ist dieser
zögerliche Liberalisierungsprozess nach wie vor mit Vorsicht
zu genießen. Die Türkei hat nicht nur auf dem Gebiet
der Minderheitenfragen, sondern auch auf dem Gebiet der
religiösen Freiheiten noch viel zu tun.
POLITIK & ZEITGESCHICHTE

Keine Kommentare

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben