„Viele Jugendliche sind von religiösem Wissen ausgeschlossen.“

Şahinder Gelim studiert in Münster Geschichte, Biologie und Islamunterricht als Ergänzungsfach auf Lehramt. Derzeit wird sie als Referendarin an einer Realschule in Recklinghausen ausgebildet. Der [dī.wān] sprach mit ihr über ihr Studium.
Sahinder1

[dī.wān] Warum hast du dich für dein Lehramtsstudium ent-
schieden? Und wie bist du auf die Idee gekommen, Islamunter-
richt als Beifach zu wählen?
Şahinder Gelim Islamunterricht habe ich ein Jahr später als
die anderen Fächer angefangen. Für das Lehramtsstudium
habe ich mich interessiert, weil ich schon immer Lehrerin
werden wollte. War ein bisschen problematisch mit der
Kopftuchfrage, aber ich wollte es trotzdem machen. (lacht)
Vom Islamunterricht hab ich erst gehört, nachdem ich hier
in Münster war. Ich hab mich dann ganz spontan dafür ent-
schieden.
[dī.wān] Was war deine persönliche Motivation für das Lehr-
amtsstudium?
Şahinder Gelim Die Idee hatte ich schon lange. Ich bin nicht
hier geboren, habe die Grundschule zunächst in der Türkei
besucht und bin dann nach Deutschland gekommen. Ich
hatte hier in der Schule Probleme und wollte nicht, dass
neue Schülergenerationen auf die gleichen Probleme tref-
fen. Vor allem die Schüler mit Migrationshintergrund.

[dī.wān] Ging es da eher um Probleme sprachlicher oder kultu-
reller Art?
Şahinder Gelim: Um beides. Sowohl sprachlicher als auch
kultureller Art. Nach dem 11. September waren es mehr
kulturelle als sprachliche Probleme. (lacht)

[dī.wān] Waren diese Probleme auch der Grund für dich, Islam-
unterricht zu studieren?

Şahinder Gelim: Nein. Ich wusste aus dem privaten Umfeld,
dass viele Jugendliche von religiösem Wissen ausgeschlos-
sen sind. Jugendliche, die Moscheen besuchen, können noch
etwas über den Islam erfahren. Aber viele haben gar nicht
die Möglichkeit, in eine Moschee zu gehen, wenn sie nicht
gerade in einer größeren Stadt wohnen. Deshalb wollte ich,
dass dieser Unterricht in die Struktur unserer Gesellschaft,
in der muslimische Schüler immer mehr werden, Eingang
findet – und zwar auf staatlicher Basis, nicht in Hinterhof-
moscheen.
[dī.wān] Hattest du hier in der Schule selber eine Form von Isla-
munterricht? Was hast du während des christlichen Religionsun-
terrichts gemacht, als du auf der Realschule warst?
Şahinder Gelim Wir hatten währenddessen „Förderunter-
richt“ – aber das war eigentlich eine Vertretungsstunde, wo
man Hausaufgaben machen konnte. Eine Zeit lang hatten
wir Türkischunterricht. Aber Islamunterricht habe ich in
der Schule nie gehabt.

[dī.wān] War das eine Sache, die dir innerhalb der Schule gefehlt
hat?

Şahinder Gelim Ich habe damals eigentlich gar nicht daran
gedacht, dass es an Schulen irgendwann die Möglichkeit
geben würde, Islamunterricht zu erhalten. Wir haben Reli-
gion privat erfahren. Heute gibt es viel mehr muslimische
Schüler und vielen fehlt eine Wissensvermittlung über den
Islam in der Schule, auch deshalb, da sie sonst mit nicht-
muslimischen Schülern nicht darüber reden und dement-
sprechend nicht dazu beitragen können, Vorurteile abzu-
bauen.

[dī.wān] Meinst du, dass sie nicht über den Islam als Religion
oder als kulturelle Prägung Bescheid wissen?

Şahinder Gelim Genau, sie wissen nicht Bescheid. Zum Bei-
spiel hat mir mein Sowilehrer nach dem 11. September im-
mer vorgeworfen, ich wäre eine Fundamentalistin, wegen
meines Kopftuchs. Das wäre ein politisches Symbol. Da
war auch ein türkischer Junge, also ein muslimischer Jun-
ge in der Klasse. Den hat er dann um Bestätigung gefragt:
Das stimmt doch, dass im Koran das Wort Kopftuch nicht
vorkommt? Das ist eigentlich gar nicht vorgeschrieben und
das ist doch alles nur politisch? Der Junge wusste es nicht,
und weil er es nicht wusste, hat er einfach dem Lehrer zu-
gestimmt. Weil er dachte, das ist der Lehrer und der weiß
Bescheid. Und da hab ich gemerkt, dass viele gar nichts
wissen.

[dī.wān] Nun zu deinem Studium. Mit welchen Themen beschäf-
tigst du dich im Islamunterricht?

Şahinder Gelim Am Anfang des Studiums muss man zwei
Semester Arabisch lernen. Währenddessen wird man auch
ein bisschen in islamwissenschaftliche Studien eingeführt,
Hilfsmittel, Recherche etc. Da zwei Semester Arabisch zu
wenig sind, um überhaupt die Texte in den anderen Ver-
anstaltungen lesen zu können, hängen viele noch ein drit-
tes und viertes Semester Arabisch hinten dran. Nach dem
Arabisch-Studium gibt es Einführungen in islamische Ge-
schichte, in Koran und Sunna, in Theologie und in Isla-
misches Recht. Aber auch viel Religionspädagogik.
[dī.wān] Was heißt Religionspädagogik?
Şahinder Gelim Wir haben zum Beispiel gelernt, wie man ei-
nen Unterrichtsentwurf schreibt, wie man den Unterricht
aufbauen kann, wo man die Unterrichtsmaterialien besor-
gen kann, wobei es einfach an Literatur fehlt, sowohl an
didaktischer Literatur als auch an Schulbüchern. Unsere
Religionspädagogin, Frau Kaddor, die hier angestellt war,
ist selber Lehrerin gewesen. Gerade hat sie das erste Schul-
buch für den Islamunterricht herausgegeben.

[dī.wān] Welche Themen interessieren dich besonders in deinem
Studium?

Şahinder Gelim: Ich interessiere mich wegen meiner Fächer-
kombination für Geschichte und islamische Geschichte.
[dī.wān] Ist Geschichte allgemein als Bestandteil eures Studiums
vorgesehen?

Şahinder Gelim: Nein. Das ist nicht vorgeschrieben, sondern
ein Wahlmodul. Man muss eine Vorlesung zu islamischer
Geschichte besuchen, aber nicht mehr.
[dī.wān] Inwiefern werden in eurem Studium der Koran und die
anderen religiösen Grundlagentexte als Werke verstanden, die
vor einem konkreten zeitgeschichtlichen Hintergrund entstanden
sind?

Şahinder Gelim: Diese Tatsache wird eigentlich sehr gut
vermittelt. Herr Professor Kalisch geht wissenschaftlich
vor und bezieht den Koran in seinen Veranstaltungen als
historischen Text mit ein. Auf der anderen Seite haben wir
auch Veranstaltungen wie Geschichte der islamischen The-
ologie und islamisches Recht, in denen wir den Koran nicht
als historischen Text, sondern als Grundlage der Religion
behandelt haben. In der neuen Studienordnung besuchen
die Studierenden auch eine Einführung in die katholische,
christliche und jüdische Theologie.

[dī.wān] Wie viele Studierende seid ihr? Und wie ist das Män-
ner-Frauen-Verhältnis?

Şahinder Gelim: Vor vier Monaten waren insgesamt 31 Stu-
dierende eingeschrieben, davon fast genau so viele Frauen
wie Männer. Der Großteil ist türkischstämmig, die anderen
sind deutsche Konvertiten oder arabischstämmige Studie-
rende.
[dī.wān] Wie sehen Diskussionen aus, die ihr untereinander
führt? Als Kommilitonen oder auch im Seminar? Gibt es da auch
mal fundamentale Meinungsverschiedenheiten?

Şahinder Gelim: Ja. Auf jeden Fall. (lacht) Also für viele, die ihr
religiöses Wissen aus dem privaten Bereich erlangt haben
wie ich, ist es sehr schwer, manche Gedanken der Profes-
soren, besonders solcher Professoren wie Herrn Kalisch, die
sehr radikal denken, nachzuvollziehen. Es gab zum Beispiel
große Auseinandersetzungen um die Existenz des Prophe-
ten Mohammed, die Herr Kalisch in Frage stellt. Aber auch
in anderen Bereichen sieht er vieles sehr philosophisch. Be-
schreibungen des Paradieses im Koran interpretiert er sym-
bolisch und unter Einfluss des historischen Kontextes, also
dem Arabiens im 7. Jahrhundert. Das Grün des Paradieses
wird so zu einer Wunschvorstellung des trockenen Arabi-
ens. Auch wir Studierende haben über diese interessanten
Ansätze diskutiert, und uns immer wieder gefragt: Wie
geht man mit solchen Themen in der Schule um? Und kann
man als Lehrer des bekenntnisorientierten Islamunterrichts
die Existenz des Propheten in Frage stellen?

[dī.wān] Der Islamunterricht in NRW ist bekenntnisorientiert
ausgerichtet?

Şahinder Gelim: Das Studium in Münster ist für die Erteilung
bekenntnisorientierten Unterrichts ausgelegt. Aber dieser
Unterricht ist vom Land noch nicht eingeführt worden.
Wenn wir das Studium absolviert haben, werden wir im
Rahmen des Modellversuchs Islamkunde, also einem nicht
bekenntnisorientierten Islamunterricht, eingesetzt. Bis der
bekenntnisorientierte Unterricht kommt.
[dī.wān] Und wann wird das sein?
Şahinder Gelim Darüber streiten der Staat und die einzelnen
Gemeinschaften. Die Gemeinschaften bzw. der Koordinati-
onsrat der Muslime, der sich vor zwei Jahren gebildet hat,
wurde als Religionsgemeinschaft noch nicht vom Staat an-
erkannt. Da so der Ansprechpartner fehlt, kann man auch
keinen Unterricht einführen.

[dī.wān] Und wie stehst du selbst zu bekenntnisorientiertem und
nicht bekenntnisorientiertem Islamunterricht?

Şahinder Gelim: Ich sehe das so: Die christlichen Schüler ha-
ben die Möglichkeit, bekenntnisorientierten Unterrichtet zu
erhalten. Da die Anzahl der muslimischen Schüler zunimmt,
sollten Muslime die gleichen Rechte haben und auch einen
bekenntnisorientierten Unterricht erhalten. Aber wenn man
sagt, es gibt allgemein keinen bekenntnisorientierten Un-
terricht, fände ich es besser, wenn alle Schüler einen nicht
bekenntnisorientierten Unterricht über Religionsgeschichte
oder über die Religionen erhalten würden. Aber da unse-
re Gesellschaft so aufgebaut ist, dass die Kirchen da nicht
zurückgehen werden und da bekenntnisorientierter Unter-
richt eingeführt ist, bin ich dafür, dass auch Muslime einen
bekenntnisorientierten Unterricht erhalten.

[dī.wān] Können auch Nicht-Muslime am Islamunterricht teil-
nehmen? Wie würdest du das selber handhaben?

Şahinder Gelim: Für den bekenntnisorientierten Unterricht
weiß ich das nicht, weil er noch nicht eingeführt wurde. Ich
bin eigentlich dagegen, dass die einzelnen Unterrichtsfä-
cher so voneinander getrennt werden. Ein Austausch muss
sein. Ich wäre sehr dafür, dass die christlichen Schüler zu
meinem Unterricht kommen und meine Schüler in den
christlichen Unterricht gehen würden. So, dass man wirk-
lich beides kennenlernt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass
ich in meinem Unterricht auch viel Raum für die Geschichte
des Christentums haben werde. Aber das ist notwendig. Ge-
rade weil wir in einer christlichen Gesellschaft leben, müs-
sen wir natürlich auch das Christentum kennenlernen und
die Feiertage und die Kultur hier verstehen. Und ich denke,
das gilt genauso für die nicht muslimischen Menschen hier
in Deutschland. Sie sollten sich meiner Meinung nach, ge-
rade weil wir Muslime immer zahlreicher werden und weil
so viele Sachen in den Medien geschrieben werden, besser
über den Islam erkundigen. Ich bin dafür, dass ein guter
Austausch zwischen den Religionen stattfinden sollte.

[dī.wān] Şahinder, vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Philipp Dehne.

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