Mehr als nur den Koran auswendig lernen

von Nora Derbal ¤ (ersch. in Heft 12.2009)

Der Vorstand der saudischen Effat Universität hat sich die Ausbildung von zukünftigen, internationalen Spitzen-Managerinnen zum Ziel gesetzt. Diesen Anspruch leitet er vom „islamischen Zeitgeist und seinem Streben nach Wissen, Wahrheit und Aufklärung“ ab. Im Islamunterricht äußert sich diese Vision in der konkreten Aufforderung zu Toleranz und umweltgerechter Müllentsorgung

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Wie an jeder saudischen Universität müssen die Studentinnen der Effat Universität im Laufe ihres Studiums vier Kurse in Islamischer Kultur absolvieren. Der Islamunterricht ist Teil des Universalen Bildungsprogramms, das den Mädchen neben ihrer spezifischen fachlichen Ausbildung durch Kurse wie Fitness und Wellness oder Einführung in die Philosophie eine umfassende Allgemeinbildung vermitteln soll. Im Curriculum ist Religion im Kontext der Vermittlung von moralischen und ethischen Werten aufgeführt, mit deren Hilfe die Studentinnen eine ausgewogene Weltsicht entwickeln sollen. Der Lehrplan für Islamische Kultur fordert von den Studentinnen, dass „sie ihre Verantwortung als informierte Bürger in einer wissenschaftlich und kulturell komplexen Welt wahrnehmen und verstehen.“

Der Islam ist vor allen Dingen eine Erleichterung des modernen Lebens

Nicht aus reinem Zufall handelt es sich bei den zwei an der Universität angestellten Islamlehrern um zum Islam konvertierte Amerikaner. Ein solch offenes Verständnis von Religion, wie es die beiden Lehrer pflegen, begegnet einem unter saudischen, überzeugten Muslimen selten. Herr Khidr Wright begann mit 20 Jahren ein Zahnarztstudium in Berkeley, bevor er den Islam annahm und zum Studium der Islamwissenschaft nach Medina wechselte. Heute, dreißig Jahre später, formuliert er seine Unterrichtsziele wie folgt: Zum einen möchte er denjenigen Kursteilnehmerinnen, die aus sehr liberalem Haushalt kommen, die islamische Etikette ans Herz legen. Dabei unterscheidet er bewusst zwischen kulturellen Bräuchen, wie dem für Frauen in Saudi-Arabien obligatorischen Tragen des schwarzen Ganzkörperüberwurfs (Abaya), und einer vom Islam geforderten, sittsamen Kleiderordnung für Männer und Frauen. Richtig verstanden, sei der Islam vor allen Dingen eine Erleichterung des modernen Lebens. Khidr Wright erklärt, dass zum Beispiel das tägliche fünfmalige Gebet die Chance biete, sich ein paar bewusste Minuten im Alltagsstress zu nehmen, in denen meditativ die Rückbesinnung auf das Wesentliche möglich sei. Der Kurs solle außerdem saudische Musliminnen, die sehr bewandt und mit reichlich Vorkenntnissen in den Kurs kämen, dazu befähigen, sich international verständlich auf Englisch über ihren Glauben auszudrücken Khidr Wright bemängelt, dass Mädchen aus konservativen Elternhäusern oft zwar ein – aus amerikanischer Sicht – beeindruckendes Wissen über den Islam mitbrächten, jedoch nicht verstünden, den Islam konkret zu leben. In seinen Kursen sollen die Studentinnen deshalb mehr als nur Koransuren und Hadithe, die Aussprüche und Beschreibungen der Taten des Propheten, auswendig lernen.

Mülltrennung als Anerkennung von Gottes Werk

Der Kurs „Islamische Kultur Level 3“ richtet den Fokus auf den Arbeitsplatz. In der Kurzbeschreibung liest man: „Die Studentinnen sollen eine selbstreflektierte Haltung erlernen, mit deren Hilfe sie die Meinungen anderer anerkennen können, um so Teil eines freien Ideenaustauschs zu sein und als gesellschaftsbewusster und ihr zugewandter Muslim zu funktionieren.“ Im Kurs fragen die Lehrer, wie man aus islamischer Sicht mit gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder der Veruntreuung öffentlicher Gelder umgehen solle. Prinzipien der Gerechtigkeit, Verantwortung und des Respekts werden vom Islam abgeleitet. Auchumweltgerechte Müllentsorgung, z.B. am Arbeitsplatz entspringe dem rechten Glauben. Das Tauhid, eine der konzeptionellen Grundlagen des Islams, bedeute schließlich die allumfassende Einheit Gottes. Diese Einheit umfasse und bestimme den Kreislauf der Natur in allen Bereichen. Als Beispiele dafür nennen die Studentinnen die Wiederverwertung von Glas oder die natürliche Zersetzung alles Toten in Leben spendende Erde. Begreift man den Lebenszirkel als Gottes Schöpfung, gilt Mülltrennung also als Anerkennunggiös verurteilt, da sie den zahlreichen Reinheitsgeboten im Koran widerspreche. Für die Studentinnen sind diese Gespräche eine entspannte Abwechslung nach einem anstrengenden Unitag.

Islamische Kultur Level 4“

In dem Projektseminar „Islamische Kultur Level 4“ gilt es, das Gelernte der vorangegangenen Kurse in die Tat umzusetzen. Die Studentinnen werden dazu angeleitet, sich im Laufe des Semesters über eine der unzähligen islamischen Wohlfahrtsorganisationen der Stadt zu informieren. Anschließend sollen sie mit den Sozialarbeitern Kontakt aufnehmen, um sich im Rahmen der Organisation selbst stundenweise für ihre Gemeinschaft zu engagieren. Das Projekt und „Islamische Kultur Level 4“ werden abschließend mit einer Note bewertet.

Effat University – „Aspire to achive“
Effat wurde 1999 in Jidda als reine Mädchenuniversität und erstes, privates College im Königreich von Prinzessin Effat Al Thunayan, der sich für Frauenrechte engagierenden Ehefrau des verstorbenen, saudischen Königs Faisal Ibn Abdulaziz (reg. 1964-75) gegründet. Die Unterrichtssprache der Einrichtung ist ausschließlich Englisch. Bedingt durch die Ausrichtung des Kursangebotes auf Wirtschafts- und Naturwissenschaften sowie durch hohe Studiengebühren kommen die Studentinnen zumeist aus der saudischen Wirtschafts- und Bildungselite. Ein aufwendiges Stipendienprogramm versucht, zusätzlich breitere Bevölkerungsschichten anzuziehen.

¤Nora Derbal und Jannis Hagman studierten an der König-Abdulaziz-Universität in Jidda, Saudi-Arabien, Islamwissenschaft und Geschichte. Über ihre alltäglichen Erfahrungen, Eindrücke und Vorgänge im Königreich  sind noch auf ihrem Blog einsehbar

Berlin goes Saudi“ www.mrjeyman.wordpress.com

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