Durch Arbeit ins Paradies
von Funda Yatman und Björn Zimprich (ersch. Heft 8/Dezember 2009)

Bei den Muriden im Senegal gibt es eine auffällige Besonderheit. Unentgeltliche Arbeit gilt für ihre Anhänger als ein wichtiges Mittel auf dem Weg ins Paradies. Dies ist gleichzeitig die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg der Bruderschaft
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Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bruderschaft ist in Westafrika in aller Regel Familientradition. Der Sohn folgtden religiösen Leitbildern, denen auch schon sein Vaterund Großvater nacheiferten. Im Senegal dominieren dabeidie Muriden, eine Bruderschaft welche im Land selbst ihreWurzeln hat und auf den zutiefst verehrten Gründer Ahmadou Bamba zurückgeht. Die Geistlichen der Bruderschaftenwerden Marabouts genannt. Wie anderswo auch ist im Sufismus in Westafrika die persönliche Bindung zwischen Gelehrten und Anhängern von entscheidender Bedeutung. Diese Bindung zum jeweiligen geistigen Führer umfasst bedingungslosen Gehorsam und Disziplin. Der Verhaltenskodex der Bruderschaft in Kombination mit dem persönlichen Charakter der Beziehung verschaffte der Bruderschaft weitreichenden Einfluss auf die senegalesische Bevölkerung.
Die Marabout-Talibe-Beziehung
Eine der wichtigsten und stabilsten Verbindungen zwischen Marabouts und der breiteren Bevölkerung läuft über die Talibe genannten Koranschüler bzw. ehemaligen Koranschüler.Die Muriden unterhalten im gesamten Senegal ein Netzwerk von Koranschulen, welche jeweils von einem Marabout geleitet werden. Da die Talibe meist ganzjährig in den Koranschulen wohnen kommt ihren Lehrern eine überaus wichtige Rolle zu. Sie sind größte Autorität und einzige Bezugsperson zugleich. Die Beziehung zwischen Talibe und Marabouts ist dabei zumindest in Teilen formal über den Kodex der Bruderschaften geregelt. So sind die Talibe zu körperlichen Arbeit auf den Feldern der Muridiya verpflichtet. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass sie für ihre Ausbildung und ihren Unterhalt aufkommen müssen, sondern ist tief mit dem Heiligenkult der Bruderschaft verbunden. Arbeit ist ebenso wie Disziplin eine Vorraussetzung des Heiligenerwerbs. Diese Form von Arbeit wird dabei nicht als Frondienst empfunden, sondern ist die weltliche Hingabe an den Marabout, die der Erlangung von Baraka (Segen) dient. Dieser Akzent der Bruderschaft, der auf dem diesseitigem Leben liegt, ist einer der wichtigsten der Lehre Ahmadou Bambas.
Die politischen und wirtschaftlichen Netzwerke der Muridiya
Durch die Einbindung der Talibes und der muridischen Händler und ermutigt durch eine religiöse Ideologie entwickelt sich eine besondere politische, religiöse und wirtschaftliche Rolle der Marabouts im Senegal. Oft wird einem neuen muridischen Zuwanderer wirtschaftliche Hilfe durch einen schon eingesessenen und erfolgreichen muridischen Händler geboten, bis dieser sich selbst ein Unternehmen aufgebaut hat und so zum wirtschaftlichen Leben der Muriden beitragen kann. Die Dynamik der muridischen Handelsnetzwerke hat sich aufgrund dessen bis auf Übersee ausgeweitet. Der Zusammenhalt der Händler innerhalb der Bruderschaft und der Aufbau von Netzwerken sind so ein wichtiger Grund für deren wirtschaftliche Expansion. Der ökonomische Einfluss der muridischen Handelsnetzwerke bildet wiederum eine Basis für den politischen Einfluss der Bruderschaft. Diese Macht der Bruderschaft trägt zur Stabilität des Landes bei. Einerseits nutzt die Bruderschaft ihren Einfluss unter ihren Anhängern zur wirtschaftlichen Orientierung des Landes und andererseits unterstützen sie den politischen Machthaber, indem die wichtigen Marabouts ihre politische Macht in Form von Wahlempfehlungen an ihre Anhänger und die Netzwerke ausüben. Dies geschieht jedoch nicht ohne Gegenleistung, insbesondere werden religiöse Zeremonien der Bruderschaft durch den Staat finanziert und unterstützt und der Sonderstatus für die heilige Stadt Touba dadurch erhalten. Es herrscht aufgrund dieses Systems ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Bruderschaft und dem Staat, der sich über die Netzwerke bis an die Basis der Bruderschaft fortsetzt und somit den großen Einfluss der Muridiya auf der politischen und wirtschaftlichen Ebene erklärt. Grundlage dieses Einflusses ist jedoch letztendlich die Einbindung von Arbeit ins religiöse System der Bruderschaft, welche mit der Vorstellung verbunden ist, dass man durch Arbeit für die Muridiya ins Paradies gelangt.
→Info:Literaturtipps:
Loimeier, Roman (2001): Säkularer Staat und islamische Gesellschaft – die Beziehungen zwischen Staat, Sufi-Bruderschaften und islamischer Reformbewegung in Senegal im 20. Jahrhundert. Münster.
Seesemann, Rüdiger (1993): Ahmadu Bamba und die Entstehung der Muridiya – Analyse religiöser und historischer Hintergründe – Untersuchung seines Lebens und seiner Lehre anhand des biographischen Werkes von Muhammad al-Mustafa An. Berlin.
Cruise O‘Brien, Donal (1971): The Mourides of Senegal the political and economic organization of an
Funda Yatman ist Studentin der Islamwissenschaft und Iranistik an der Freien Universität Berlin. Sie beschäftigt sich seit 2006 nach einem dreimonatigen Aufenthalt im Senegal mit der Muridiya und schreibt ihre Magisterarbeit über die Jugendbewegung der Muridiya in Dakar.
Björn Zimprich hat Geographie, Politik- und Islamwissenschaft an der FU-Berlin studiert. Er war mehrmals in Gambia und hat seine Diplomarbeit zu „Libanesen in Gambia zwischen Vergesellschaftung, Konflikt und Transnationalität“ geschrieben.
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