„Silence Please, Occupation in Progress“

von Sakina Abushi (ersch. Heft 4/Dez. 2007)

Die israelische Organisation Breaking the Silence möchte das Schweigen brechen und bietet ganz spezielle Stadtrundgänge durch Hebron an
Das Kaffeefahrtgefühl, das sich auf den ersten Kilometern unserer Reise eingestellt hat, verflüchtigt sich abrupt, als unser Bus in Hebron zum Stehen kommt. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe – hauptsächlich Israelis und internationale Besucher – steigt zögerlich aus dem Bus und beginnt unter der Führung von Yoav langsam ihren Rundgang. Von Straße zu Straße steigt die Anspannung, die Gruppe rückt näher zusammen. Yoav ermahnt uns, nicht zurückzubleiben.
Wir besichtigen Hebron, die zweitgrößte Stadt in der Westbank mit einer palästinensischen Bevölkerungszahl von 170 000 Menschen. Ungefähr drei Viertel der Fläche Hebrons, das sogenannte „H1“, befinden sich zumindest formal unter palästinensischer Kontrolle. Man sagt, das Leben dort sei erträglich. Doch heute werden wir uns in „H2“ bewegen, dem israelisch kontrollierten Teil, wo unter 35 000 Palästinensern geschätzte 600 bis 800 israelische Siedler leben. Ebenfalls präsent sind etwa 1500 israelische Soldaten, die die Siedler vor Übergriffen schützen sollen. Hebron ist, bis auf das 1967 von Israel annektierte Ostjerusalem, die einzige palästinensische Stadt, in deren unmittelbarem Kern sich israelische Siedlungen befinden.

Kämpfer der Zweiten Intifada informieren über den Alltag in den besetzten Gebieten

Wie die anderen Gründungsmitglieder von Breaking the Silence hat auch Yoav während der zweiten Intifada als Soldat in Hebron gedient. Um über diese Zeit zu berichten, initiierte er mit anderen jungen Soldaten für ihre Familien und Freunde eine Fotoausstellung, die den Alltag der Besatzer und Besetzten dokumentiert. Die Ausstellung war ein enormer Erfolg und die Gruppe begann, Hunderte ehemaliger Soldaten nach ihren Erfahrungen in den besetzten Gebieten zu befragen und die Ergebnisse zu publizieren.
Die Stadtführungen stellen einen Teil der Arbeit der Organisation dar. Wir beginnen im Kern der Altstadt, an der Abraham-Moschee bzw. der Höhle von Machpela, einer der wichtigsten heiligen Stätten aller drei abrahamitischen Religionen – und somit für Juden als auch für Muslime und Christen bedeutsam.

Vom Handelszentrum zur Geisterstadt

Wir bewegen uns weiter in Richtung des alten Marktviertels. Viele Teilnehmer der Führung sind irritiert von der Sterilität der Straßen. Wir befinden uns an einem der touristisch interessantesten Punkte Palästinas und inmitten des früheren Handelszentrums der gesamten südlichen Westbank. Doch abgesehen von den israelischen Soldaten sind nur selten Menschen auf den Straßen zu sehen. Türen und Fenster sind geschlossen; der Stadtkern gleicht einer Geisterstadt. Yoav erklärt: „Wir befinden uns in der Innenstadt von H2, dem seit 1967 israelisch kontrollierten Teil Hebrons. In unmittelbarer Nähe der vier israelischen Siedlungen, die zumeist nur aus einzelnen Häusern oder Häuserblocks bestehen, und in denen insgesamt einige hundert Siedler leben, verfolgt die Armee ihre sogenannte ‘Trennungspolitik’. Rund achtzig Prozent der Straßen dürfen von Palästinensern nicht befahren, ein Großteil auch von Fußgängern nicht genutzt werden. Rund 1700 Geschäfte wurden hier geschlossen. Daher seht ihr keine Menschen auf den Straßen.“
Wir folgen Yoav eine der Geisterstraßen hoch. „Das ist der einzige Straßenteil, auf dem Siedler und Palästinenser gleichermaßen laufen dürfen. Er ist ungefähr hundert Meter lang.“ Plötzlich biegen wir um eine Ecke und befinden uns im Chaos: Zerstörte Gebäude, eingeschlagene Fenster. In der Mitte eines kleinen Platzes ein Haufen verkohlter Gegenstände, Möbel, Maschinen. „Ihr befindet euch auf dem Fleischmarkt von Hebron. Vor ein paar Jahren von der Armee geschlossen, in der Folge langsam von den Siedlern zerstört.“
Was bewegt jemanden dazu, in diesem Teil der Stadt wohnen zu bleiben? Wieso ziehen die Menschen nicht fort, allein schon wegen ihrer Kinder? „Im anderen Teil der Stadt herrscht achtzig Prozent Arbeitslosigkeit. Die palästinensische Behörde zahlt den Menschen, die hier bleiben, Miete, Strom, Gas, alles. Jede Woche liefert das Rote Kreuz hier Nahrungsmittelrationen. Die Anwohner hier haben keine Wahl, sonst wären sie schon lange weg.“

Auch Gewalt kommt in täglichen Rationen

Unsere letzte Station führt uns über einen steinigen Weg in das Haus von Imad. Seit einiger Zeit sind Yoav und Imad Freunde und regelmäßig führt Yoav fremde Menschen in Imads Wohnzimmer, um ihnen das Gespräch mit einem der palästinensischen Einwohner Hebrons zu ermöglichen. Ein großer Mann mit festem Händedruck empfängt uns und beginnt zu erzählen. Von den nächtlichen Einbrüchen der Siedler, bei denen sein Haus verwüstet und seine Frau verletzt wurde. Von Ausgangssperren, die vom Militär exklusiv für Palästinenser verhängt werden, oftmals anlässlich jüdischer Feierlichkeiten in den Straßen Hebrons. Und vom monatelangen Ausharren in den eigenen vier Wänden während der Intifada. Von seinen drei Kindern, die unter Schutz von internationalen Freiwilligen zur Schule gehen, weil sie regelmäßig von Siedlerkindern angegriffen werden. Ein Amateurvideo wird gezeigt, in dem Imads Töchter zu sehen sind, wie sie über den Friedhof von der Schule nach Hause gehen, denn die Benutzung der nahe gelegenen Straße ist ihnen untersagt. Plötzlich kommen weitere Kinder, zehn oder zwölf Jahre alt, die die Mädchen beschimpfen und schubsen, treten und schlagen. Ein israelischer Soldat läuft mit, greift aber nicht ein. „Wo sind denn die Eltern dieser Kinder?” fragt eine ältere Dame empört. „Schauen Sie genau hin. Die Eltern sind im Bild zu sehen. Sie stehen abseits und geben ihren Kindern Anweisungen“, antwortet Yoav. „In Israel kann ein Kind unter zwölf Jahren nicht strafrechtlich belangt werden.“
Im Imads Garten setze ich mich unter einen Weinbaum. Sein Stamm ist wie bei den anderen Bäumen des Gartens durchgeschnitten. Seine Krone hängt in einem Metallgestell, noch ranken sich seine Blätter grün und lebendig um das Haus. „Wer hat das getan?”, frage ich das kleine Mädchen, das in den Ranken herumklettert, und weiß doch schon die Antwort. Die Kleine zuckt mit den Schultern: „Siedler.”
Als ich zurück zu der Führung stoße, höre ich die letzte Frage, die an Imad gerichtet wird: „Warum kooperieren Sie mit den jungen Israelis? Warum beteiligen Sie sich an Yoavs Arbeit?” Einen Moment denkt der Mann nach, dann antwortet er bedächtig: „Irgendwann haben meine Kinder mich gefragt: ‚Papa, warum schlagen uns die jüdischen Kinder? Warum spucken sie uns ins Gesicht?’ Ich wollte ihnen erklären können, dass jede Gesellschaft zwei Seiten hat, eine gute und eine böse. Seit Yoav und seine Freunde uns hier besuchen kommen, kann ich ihnen das beweisen.“

Infos:

  • Nähere Informationen unter www.breakingthesilence.org.il
  • B’tselem (The Israeli Information Center for Human Rights in the Occupied Territories) veröffentlichte im Mai 2007 einen umfassenden Report über die Menschenrechtssituation in Hebron. Nachzulesen unter www.btselem.org/Download/200705_Hebron_eng.pdf.

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