Zeitschrift [di.wan] Berlin: Vom Mittleren Osten bis Berlin

Das saudische Reformdilemma – Geschlechtertrennung in Saudi-Arabien

saudische-reformdilemma

von Jannis Hagmann  (ersch. Heft 7/Juli 2009)

Die Geschlechter- trennung in Saudi-Arabien bringt für Frauen Vor- und Nachteile mit sich. Die Reformer, die die Segregation für ihre Zwecke entdeckt haben, drehen sich deshalb im Kreis
“Men”, “Women”, “Family Entrance”, “Single Ladies not allowed”: Für Unerfahrene ist die Geschlechtertrennung in Saudi-Arbabien nicht immer einfach. In der Öffentlichkeit lauert stets die Gefahr, sich geschlechtlich zu verirren und höflich aus der Frauenabteilung eines Restaurants oder der Frauenetage einer Mall herausgebeten zu werden.
Meist wird das Thema der saudischen Geschlechtertrennung in einen Assoziationsraum geworfen, der von Begriffen wie Unterdrückung, Islamismus, Patriarchat und ähnlichem geprägt ist. Das Autofahrverbot oder die gesellschaftlichen Kleidervorschriften für Frauen werden voreilig mit dem Prinzip der Geschlechtertrennung in Verbindung gebracht und pauschal verurteilt. Vergessen werden dabei nicht nur der enorme organisatorische Aufwand und die ökonomischen Auswirkungen der Segregation. Unter den Tisch fällt auch, dass die Trennung der Frauen von den Männern auch immer eine Trennung der Männer von den Frauen ist – schon diese banale Tatsache zeigt, dass die Segregation nicht automatisch das weibliche Geschlecht benachteiligt.
Folgt man einer weit verbreiteten Ansicht, ist das Gegenteil der Fall: Gerade aufgrund der Geschlechtertrennung sei das “Empowerment” von Frauen mit den gesellschaftlich-religiösen Wertvorstellungen vereinbar. Der Berufstätigkeit von Frauen beispielsweise stehe prinzipiell nichts im Wege, da die Geschlechtertrennung ja garantiere, dass berufstätige Frauen mit dem anderen Geschlecht nicht in Berührung gerieten – ein Argumentationsmuster, das vor allem im sogenannten Reform-Lager zirkuliert, zu dem auch Teile der Regierung wie etwa König Abdullah und einige seiner Minister gezählt werden.

Feminine Öffentlichkeit

So zeichnet sich in Saudi-Arabien ein Trend hin zu einer “femininen Öffentlichkeit” ab. Anders als beispielsweise in Deutschland (und auch anderen arabischen Ländern!), wo das Vordringen von Frauen in ehemals männliche Domänen mit der zunehmenden Mischung der Geschlechter im öffentlichen Raum einherging, führt die zunehmende Teilnahme von Frauen am gesellschaftlichen Leben in Saudi-Arabien zu einer Feminisierung bestimmter Teile des öffentlichen Raums. Dies öffnet Frauen in zunehmendem Maße bisher verschlossene Türen. So sind reine Frauen-Banken und Frauen-Finanzunternehmen zwar keine Neuigkeit, doch verbreitet sich dieses Phänomen der “Nur-Frauen-Institutionen” zunehmend. Frauenabteilungen in Einkaufszentren, meist das oberste Stockwerk, gehören mittlerweile zur Grundausstattung der zahlreichen saudischen Malls. Auch bei einem der wenigen Jazz-Konzerte in Jidda ermöglichte die Trennung der Geschlechter die Teilnahme von Frauen. Männer saßen auf der einen, Frauen auf der anderen Seite der Bühne, so dass zwar Blickkontakt ermöglicht, das physische Zusammenkommen zumindest theoretisch jedoch unterbunden wurde.

Fast 60% der Studienabgänger, doch nur 16% der Arbeitnehmerschaft sind Frauen

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Hochschulbildung. Auch hier wird die Beseitigung von Einschränkungen, denen Frauen bislang unterworfen waren – verschiedene Studiengänge wie etwa Jura wurden mittlerweile für Frauen geöffnet –, nur durch die gleichzeitige Beibehaltung der strikten Trennung von männlicher und weiblicher Gesellschaftssphäre ermöglicht. Die staatliche Hochschullandschaft wurde in den letzten zehn Jahren durch mehrere private Colleges für ausschließlich weibliche Studenten erweitert. Für nächstes Jahr ist zudem die Eröffnung der ersten staatlichen reinen Frauen-Universität (Nura-bint-Abdulrahman-Universität) geplant, für die sich König Abdullah persönlich stark machte.
Schon heute sind etwa 58 Prozent der Studienabgänger Frauen – ein erstaunlicher Anteil, der ohne die rigide geschlechtergetrennte Organisation des Hochschulsystems nicht erreicht worden wäre. Sowohl große Teile des religiösen Establishments als auch der Eltern hätten sich im Falle gemischter Fakultäten wohl gegen die universitäre Bildung der jungen Frauen entschieden. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Absolventinnen auf den Arbeitsmarkt strömen wird – viele Frauen arbeiten trotz universitärer Bildung oft ausschließlich zu Hause –, wird sich die Frage künftig immer häufiger stellen: Trennen oder Mischen? Der bisherige Trend spricht für die erste Option.

Frauen statt Gastarbeiter?

Auch in der Wirtschaft bleibt die getrennte Gesellschaftsordnung nicht ohne Folgen. Zwar haben viele Unternehmen abgetrennte Frauenabteilungen, welche sowohl weiblichen Kunden offenstehen als auch die Einstellung von Frauen ermöglichen. Doch führen die Kosten, die durch die zusätzlichen Büroräume anfallen, oft dazu, dass die Einstellung von Frauen aus finanziellen Gründen schlichtweg nicht möglich ist. Zusätzlich erweist sich die Geschlechtertrennung in der Praxis oft als äußerst unpraktisch. Ein Anwalt in der saudischen Hafenstadt Jidda, der ein extra Büro für seine weiblichen Angstellten finanzieren konnte, beklagt, dass die Frauen- und Männersektion seiner Kanzlei zwar im selben Gebäude, aber sieben Stockwerke auseinander liegen. Für die geringfügigsten Angelegenheiten muss entweder auf den Fahrstuhl oder eben auf Telefon und Email zurückgegriffen werden. Für die rein männlichen Kanzleien seiner Kollegen stellen sich solche Probleme nicht.
Da saudische Studentinnen durchschnittlich besser abschneiden als ihre männlichen Kommilitonen, wird durch die begrenzten Berufsmöglichkeiten für Frauen ein besonders wertvolles Potential verspielt. Dies scheint auch die Regierung erkannt zu haben, denn schon seit den neunziger Jahren empfehlen die nationalen Entwicklungspläne die Einstellung von Frauen im öffentlichen und privaten Sektor. Gleichzeitig koppelte die Regierung die Thematik an die Bemühungen um eine “Saudisierung” des Arbeitsmarktes. Dieses seit den siebziger Jahren verfolgte Konzept sieht vor, den Anteil ausländischer Arbeitnehmer (derzeit etwa 60 Prozent der Gesamtarbeiterschaft!) zu verringern. Die Beschäftigungsrate von Frauen soll bis zum Jahre 2025 von derzeit zehn Prozent auf dreißig hochgetrieben werden. Dem Austausch der meist weniger qualifizierten und unterbezahlten Arbeitsmigranten durch saudische Arbeiterinnen steht jedoch das hohe Bildungsniveau saudischer Frauen im Wege. Medizinerinnen als Haushaltshilfen, Lehrerinnen in der Gastronomie oder Taxi fahrende Architektinnen sind weder eine wünschenswerte noch eine realistische Perspektive für den saudischen Arbeitsmarkt.

Das saudische Dilemma

Ein Beispiel für die ausführliche saudische BeschilderungspolitikSaudi-Arabien befindet sich in einem Dilemma: Der von reformorientierten Stimmen unterstützte Einzug von Frauen in ehemals männlich-dominierte Bereiche des öffentlichen Lebens scheint nur über zunehmende geschlechtertrennende Maßnahmen gesellschaftlich und politisch durchsetzbar zu sein. Erst die Herausbildung von femininen, von den männlichen Sphären weitestgehend getrennten Räumen ermöglicht die Integration von Frauen in das Arbeitsleben, das Hochschulsystem und das öffentlichen Leben allgemein. Damit beißt sich die Katze jedoch in den Schwanz, denn eben diese Maßnahmen sind es, die dem Empowerment von Frauen aus praktischen Gründen im Wege stehen. Ein Arbeitgeber, der keine Frauen einstellt, weil getrennte Büroräume das wirtschaftlich Mögliche übersteigen, oder eine potentielle Unternehmensgründerin, deren Geschäftsidee nur unter gemischtgeschlechtlichen Bedingungen umsetzbar wäre, sind nur zwei Beispiele unter vielen. Allein die Schwierigkeiten, die sich bei der praktischen Umsetzung der Geschlechtertrennnug ergeben, erschweren Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt, auch wenn er von Teilen der Regierung gefördert und gefordert wird.
Dass sowohl Reformer als auch Konservative die Trennung der Geschlechter als Argument für ihre jeweilige Position heranziehen und den Geschlechterdiskurs für sich in Anspruch nehmen, lässt das Janusgesicht der Geschlechtertrennung am deutlichsten hervortreten. Entweder wird das Empowerment befürwortet, weil die Geschlechtertrennung es ja möglich mache, oder es wird abgelehnt, weil das Gebot der Trennung dem im Wege stehe. Das Prinzip der Segregation selbst wird jedoch nur selten in Frage gestellt. Es wäre also unangebracht, die traditionalistischen Konservativen allein für die Geschlechtertrennung und die aus ihr entspringenden Benachteiligungen für Frauen verantwortlich zu machen. Auch der Reformdiskurs hat die Geschlechtertrennung für sich entdeckt.

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