von Manuel Emonds (ersch. Heft 6/Februar 2009)
Die Sonnenallee ist ein Eldorado für Schischafans. Wer will kann auf gut zwei Kilometern aus einer Unzahl an Möglichkeiten schöpfen, um den wassergekühlten Dunst zu inhalieren. Darüber zu berichten ist nicht ganz so einfach.
Kaum ein Utensil muslimischen Lebenswandels ist derart tief in die westeuropäische Gegenwartskultur eingedrungen, wie die Schischa. Oder Shisha, Nargile oder einfach nur Wasserpfeife. Es gibt verschiedene Schreibweisen und verschiedene Namen – aber nur eine einheitliche Darreichungsform. Dem Pfeifenkörper, aus Glas und häufig mit floralen Ornamenten versehen, wird ein Aufsatz aus Metall aufgepflanzt. Der feuchte Tabak, genauso stark aromatisiert wie der schwarze Tee, den man für gewöhnlich dazu trinkt, wird, in Alufolie gehüllt, ins Köpfchen gepackt. Auf allem thront die glühende Kohle, der Katalysator für das, was man sich so verspricht vom Qualm.
Die Schischa – authentisch orientalisch?
Und was ist das genau? Worin besteht die Faszination Schischa? Man erhofft sich Anteilhabe an einem Lebensgefühl. Wer Schischa raucht, reiht sich ein in den Laid-Back-Lifestyle des gemeinen Orientalen. Denn jeder weiß ja, dass zum nahöstlichen Feierabend bekanntlich Schischa, Tee und Backgammon gehören, wie das Korn zum Bier in der Kneipe um die Ecke. Was Edward Said vom westlichen Schischabild hielt, ist – zumindest dem Autor – nicht bekannt. Was Schischas mit Orientalismus zu tun haben, ist aber naheliegend. Sie prägen das westliche Bild vom Orient. Sie prägen so auch umgekehrt die Rezeption des Westens in der muslimischen Welt. Genauso wie der Touristguide in Gizeh jedem die besten Posen für Pyramidenfotos zu zeigen weiß, die doch wirklich jeder gerne in seinem Erinnerungsalbum haben will, so will umgekehrt wahrscheinlich vom Marokko- bis zur Türkeireisenden auch jeder mit seiner Urlaubsbekanntschaft erst einmal eine Schischa rauchen. Und genauso wie eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Touristen auf ein Bild von sich gelehnt auf die auf einmal so klein erscheinenden Pyramiden verzichten kann, genauso kann der ein oder andere Einheimische, den man auf dem Suq von Marrakesch trifft auch erstmal auf ein Schischaköpfchen verzichten.
Slow Food und Slow Smoke
Aber es kommt natürlich nicht von ungefähr, dass die Schischa zum Synonym für nahöstlichen Zeitvertreib avancierte. Wer einmal an einem lauen Sommerabend durch das olfaktorische Bermudadreieck zwischen Kottbusser Tor, Görlitzer Bahnhof und der Sonnenallee flanierte, wird erkannt haben, dass Schischas nicht wegzudenken sind aus der Abendgestaltung einer nicht zu unterschätzenden Mehrheit der berlinresidenten Migranten. Warum das so ist, haben mittlerweile eben auch die eigentlich so unrelaxten Deutschmuttersprachler erkannt. Beim Rauchen nimmt man sich Zeit. Für das Rauchen, das Herumsitzen, das Reden. Und sonst für nichts. Wer genug hat von Fast Food dürfte auch genug bekommen von der Fünf-Minuten-Entspannungs-Zigarette in der Arbeitspause. Und erkannt haben, dass sie in ihrer Hektik eigentlich doch nicht so entspannend ist, wie man es sich erhoffte.
Und so schießen Schischabars aus dem Boden wie Pilze auf fertiler Walderde. Den Headshopbesucher zieht es genauso dorthin, wie die Bankkauffrau. Zehntklässlerinnen aus gutbürgerlichem Elternhaus kann man hier antreffen, aber auch den türkischen Familienvater zu einer Partie Backgammon herausfordern. Alles rein hypothetisch zumindest. In der Praxis sind die einzelnen Bars doch eher dem Klientelismus denn dem Eklektizismus verfallen. Es gibt die schön auf orientalisch getrimmte Schischabar auf der Oranienburgerstraße, mit kichernden Teenagern, die im Anschluss an die Schischa auch noch das Wagnis auf sich nehmen, in der Cocktailbar gleich nebenan ihre ersten Drinks zu bestellen. Und es gibt das spartanisch anmutende türkische Vereinszentrum auf der Sonnenallee. Mit Backgammon, Tee, alten Männern und noch vielen anderen lebensnahen Klischees.
Interkultureller Dialog ‘Nein Danke!’?
Ein weiteres dieser Klischees wäre es, zu schreiben, dass beide Enden dieser Skala es vorziehen, unter sich zu bleiben. Lieber parallelisiert man munter vor sich hin, als dass man der anderen Seite einen Einblick in den privaten Mikrokosmos verschafft. Und darüber zu schreiben wäre auch recht einfach gewesen. Wer eines der vielen Etablissements der Sonnenallee aufsucht, um über die dortigen Machenschaften zu berichten, bekommt mehr als nur häufig zu hören, dass der Chef momentan leider nicht im Hause wäre. Und man deshalb leider keine Erlaubnis zum Fotografieren geben könnte. Und Namen und Adresse der Lokalität sollten bitte auch nicht erwähnt werden. Ach ja, interviewt werden will lieber auch niemand, anscheinend wurde in den letzten Monaten doch ein wenig zu viel terrorgekiezt im medialen Blätterwald. Sich die Zeit zu nehmen und die angebotene Schischa auch trotz der auferlegten Daumenschrauben zu genießen, lohnt aber allemal. Wer keine Bilder machen darf, hat um so mehr Zeit, nachzudenken. Und festzustellen, dass auch auf der Oranienburgerstraße nicht nur teutonische Blondschöpfe dem Qualm nachhängen. Und auch auf der Sonnenallee der ein oder andere Niederländer sein Pfeifchen raucht.
Eine Empfehlung
Lobenswert hervorheben möchte der Diwan vor allem aber den Biergarten „Burg am See“, in der Ratiborstraße, direkt am Landwehrkanal und die Schischabar „Umm Kalthum“, Sonnenallee/Fuldastraße, nicht zu verwechseln mit der Bäckerei gleichen Namens, nur ein paar Meter weiter. Beide waren ohne Umstände zur Zusammenarbeit mit der Presse bereit und sollen ihre verdienten Lorbeeren in Form der offiziellen ‘Diwan-Redaktions-Empfehlung’ hiermit erhalten.