Wie der „Iranian-Israeli Circle“ Brücken baut
von Paniz Musawi
Narges* ist nervös. Sie fragt, ob ihre Afro-Perücke richtig sitzt und rückt ihre Karnevalsmaske zurecht. Sie trägt knalligen roten Lippenstift. In persischer Schrift steht weiß auf schwarz auf ihrem T-Shirt: „Wir werden nicht still bleiben“.
Sie geht nochmals in den Veranstaltungsraum im „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ in Berlin, um zu schauen, ob alles vorbereitet ist für die Präsentation. Sie atmet tief durch und verschwindet für einen Augenblick. Narges, Promotionsstudentin aus dem Iran, gehört zum „Iranian-Israeli Circle“ (IIC) und sitzt später auf dem Podium neben ihren nicht-vermummten Mitstreiterinnen.
Es ist das zweite Projekt des IIC. Die Geschichte des ersten Projektes beginnt mit der Bekanntmachung eines Geschäftes: der Verkauf deutscher U-Boote an Israel im Frühjahr 2012 – mit der Fähigkeit atomare Sprengköpfe zu befördern. Spontan fanden sich Israelis vor der israelischen Botschaft in Berlin ein und kritisierten das Geschäft aufs Schärfste. Einige Israelis wollten es aber nicht dabei belassen: sie kontaktierten IranerInnen und so kam es zum ersten israelisch-iranischen Treffen und dem Plan, gemeinsam eine Demonstration zu organisieren. Unter den Studierenden der FU Berlin dürfte das Ereignis unter anderem durch eine großflächige Werbeaktion in der großen Mensa bekannt geworden sein. Die Flyer – Merkel, Ahmadinedschad und Netanjahu vor schwarzem Hintergrund – waren nur schwer zu übersehen. Damals rief die Gruppe auf zur Teilnahme an einer Demonstration vom Kottbusser Tor zum Rathaus Neukölln. Ihre Positionierung: „Gegen Krieg, Sanktionen, Besatzung und staatliche Unterdrückung“. JournalistInnen berichteten von rund 400 TeilnehmerInnen. Vor allem habe der IIC mediale Aufmerksamkeit aus Israel erhalten, beschreibt Narges, die seit der Gründung der Gruppe aktiv dabei ist.
Beide Seiten hatten ihre Zweifel: wie sollte man sich artikulieren? Was war ihr gemeinsames Ziel? „Nach dem ersten Treffen wussten wir, dass wir mehr Gemeinsamkeiten, als Differenzen haben“, beschreibt Narges. „Wir alle wollen mitteilen, dass wir gegen jegliche Macht sind, die versucht Zwang auf Menschen – gleich woher sie kommen – auszuüben. Wir sind gegen die Diktatoren und gleichzeitig auch gegen die westlichen Mächte. Wir unterstützen die Menschen aus unseren Ländern, die Widerstand leisten“. Der IIC ist eine „grassroot“ Gruppierung, in der jede/r dazu eingeladen ist, mitzuarbeiten. Die gemeinsame Basis ist die pazifistisch motivierte Stellungnahme „Gegen Krieg, Sanktionen, Besatzung und staatliche Unterdrückung“. „Jenseits der Stellungnahme sind wir alle unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ideen und das ist unsere Stärke. Wir wollen pluralistisch sein und um diesem Ziel gerecht zu werden, arbeiten wir in horizontalen Strukturen. Die Verantwortung liegt bei allen, zum Beispiel checkt nicht nur eine Person Mails oder nur eine steht in der Öffentlichkeit und gibt Interviews“. Zurzeit besteht die Kerngruppe aus 15 aktiven MitstreiterInnen.
Adam schließt sein Fahrrad an und geht schnellen Schrittes über den Innenhof. Der Masterstudent israelischen Ursprungs ist auch ein Mitglied der Gruppe. Er hat sich um den Veranstaltungsort des zweiten Projektes, eine Vortragsreihe, gekümmert. An diesem Abend hält er sich im Hintergrund auf. Heute geht es darum, den Iran vorzustellen. „Von allen Seiten belagert: Die iranische Bevölkerung zwischen Unterdrückung, Sanktionen und Kriegsdrohungen“, ist das Thema des ersten deutsch-englischen Vortragsabends des IIC.
Der Flyer des Iranian-Israeli Circle zur Demo durch Kreuzberg und Neukölln (Foto:IIC).
Allmählich finden sich alle in dem Veranstaltungsraum ein. Es werden zweisprachige Handouts zum Vortrag ausgeteilt. Die drei Referentinnen werden vorgestellt. Mit dem Ziel „Aufklärungsarbeit“ zu leisten, geben sie einen Überblick über die Anfänge der islamischen Revolution 1979, die Ära Khomeini, Rafsanjani, Khatami und Ahmadinedschad und ihre Gründe für die Niederlage der Grünen Bewegung von 2009. „Das Potential, sich in stabilen Gruppen zu organisieren, besteht immer noch für die Menschen im Iran, indem sie viele kleine, aber gut organisierte und progressive Gruppen gründen, die sich für einen radikaleren Wandel einsetzen“. Mit diesem Statement wird der Einblick in die politische und wirtschaftliche Entwicklung des Iran nach der Revolution beendet und übergeleitet zu der Sanktions- und Kriegsproblematik. Narges steht am Pult und schaut durch ihre Maske auf das Publikum. Sie beschreibt das „iranische Atomprogramm“, die „Geschichte der US-Sanktionen gegen den Iran“ und die „Folgen für das Land“. Im Schlussstatement liest Narges vor: „Der Kampf herrscht zwischen dem Imperium und der Diktatur. Wir stehen neben den Menschen und unterstützen diejenigen, die sich erheben. Der Wandel muss von unten beginnen, andernfalls wird sich nichts zum Besseren wenden“. Eine Referentin fügt hinzu: „Wir können nicht viel tun außer Informationen liefern. Alles andere liegt in der Hand der Iraner“.
Einige technische Eskapaden stören den Fluss der Präsentation. Es gibt keine Quellenangaben und es wird auch nicht auf sie eingegangen. Im Laufe der anschließenden Podiumsdiskussion entsteht eine seltsame, nahezu angespannte Atmosphäre: Auf die Frage, wie der Wandel von unten aussehen soll, können die Referentinnen nicht eindeutig und überzeugend antworten. Sie sind überzeugt von einem einheitlichen „grünen“ Iran. Einem Iran, indem fast die ganze Bevölkerung einen Regime-Wandel will. Auf die Kritik aus dem Publikum, die Darstellungen über den Iran seien zu einseitig und bloß auf die wirtschaftliche Ebene beschränkt, gehen die Referentinnen nicht weiter ein. Die Rolle von Ideologie, Religion, Macht und Gewalt in der Region des Nahen und Mittleren Ostens wird nicht nur ausgeblendet, sondern von einer der Referentinnen explizit verneint. Es sei irrelevant in dem Spiel um die Atomproblematik.
Es ist die Heterogenität der vermeintlich einheitlichen grünen Bewegung und der iranischen Gesellschaft, die unerwähnt bleibt. Die Referentinnen wirken nahezu so, als hätten sie Angst vor ihren israelischen ZuhörerInnen und MitstreiterInnen zu zugegeben, dass es neben den „Grünen“ auch die paramilitärische Volksmiliz, die Bassidsch, gibt. Und vor allem längst resignierte und apolitische Menschen, die einen Alltag haben wollen statt in einem stetigen Ausnahmezustand leben zu müssen. Sie sind auch ein Teil der Basis. Angesichts der sozialen und politischen Vielfalt in der iranischen Gesellschaft verkompliziert sich die Möglichkeit eines revolutionären Wandels. Aber dieser Meinung sind die Referentinnen nicht. Für sie ist es eine Sache der Organisation und des Willens.
Nach der Fragerunde, versucht ein Gruppenmitglied die Aussagen ihrer Mitstreiterin zu stützen: im Iran wolle jede/r den Wandel. Es ist für sie nicht nur ein „Gefühl“, das sie beschreibt, es ist ein Faktum. Dabei gibt es keinerlei Umfragen seit 2009, keine verlässlichen Quellen, die das gesellschaftliche Meinungsbild eindeutig wiedergeben. So wünschenswert es ist, die Aussage bleibt spekulativ. Die größte Herausforderung des Landes wird es nicht nur sein, eine Brücke zu bauen, zwischen den säkularen und den gläubigen Gruppierungen, sondern auch innerhalb der religiösen Szene: es gibt nicht bloß KhomeinistInnen und Nicht-KhomeinistInnen.
Am 16.08. fand der dritte Vortragsabend statt. Der Fokus lag auf Israel: „Wenn die Kanonen donnern, schwinden die Proteste: Wie der Widerstand in Israel gegen die Besatzung, Neoliberalismus und Rassismus durch Kriegsdrohungen zum Schweigen gebracht wird.“. Der Titel ist bewusst suggestiv und beschreibt den Frust der israelischen AktivistInnen. „Als ein Israeli spüre ich manchmal einen unvernünftigen tiefen Pessimismus, wenn ich den Nahen und Mittleren Osten, vor allem jedoch den israelisch-palästinensischen Konflikt betrachte. Angesichts des Misserfolges der Oslo-Verträge, der Ermordung Rabins, der Wahl Netanjahus, den Leitlinien der Regierung, des unaufhörlichen Siedlungsbaus habe ich aufgehört, an die Chance eines Wandels zu glauben“, sagt Adam. „Die Teilnahme am IIC ist der Versuch, meine pessimistische Einstellung zu ändern. Außerdem ist es für mich einfacher, mich mit der iranisch-israelischen Geschichte zu beschäftigen, weil a) ich nicht die gleiche Hoffnungslosigkeit, wie bei der Palästinaproblematik verspüre, b) ich das Gefühl habe, dass in der öffentlichen Meinung noch nicht alles zum Iran-Israel Konflikt gesagt worden ist und es noch die Möglichkeit gibt, Dinge zu ändern“.
Den Prozess der Bewusstmachung hat der IIC bereits sehr erfolgreich mit seiner Demonstration beschritten. Nun geht es ans Detail. Der Pluralitätsgedanke sollte nicht nur innerhalb der Gruppe gelten, sondern auch für die Inhalte der Vorträge. Die Idee Vorträge von BürgerInnen für BürgerInnen zu halten, verständlich und ohne den Beitrag von „ExpertInnen“ ist sehr ansprechend, jedoch erfordert ein solches Vorhaben auch ein gutdurchdachtes Präsentationskonzept.
Das Leitziel allerdings ist und bleibt Frieden zu schaffen: Auch in Zukunft wird der IIC auf das Ziel hinarbeiten nicht nur von einer Welt zu träumen, in der es „keinen Krieg und keine Diktatoren“ gibt, sondern sie zu fordern.
*Name auf Wunsch geändert
Hätten lieber mit die iranische Botschaft besetzen sollen.
http://strikeregensburg.wordpress.com/2012/11/29/iranische-botschaft-in-berlin-flagge-entsorgt-und-mit-gruner-farbe-verschonert/