Zeitschrift [di.wan] Berlin: Vom Mittleren Osten bis Berlin

Muslimische Frauen in Aktion

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von Kübra Küçük (ersch. Heft 9/Juni 2010)


Im Herbst 2009 wurde in Köln der Verein Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland gegründet, um die gesellschaftliche und politische Partizipation von muslimischen Frauen zu fördern.

Zwangsheirat, Unterdrückung, Gewalt. Nicht selten wurden und werden muslimische Frauen in Deutschland mit diesen Begriffen in Verbindung gebracht. Islamwissenschaftlerinnen, Soziologen, Frauenrechtlerinnen und Politiker beschäftigten sich mit der muslimischen Frau: Unzählige Publikationen werden veröffentlicht, in Fernsehshows und politischen Debatten wird das Thema immer wieder aufgegriffen; es scheint unausschöpflich, komplex und verwirrend zugleich. Die Diskussion wird hauptsächlich über „die Muslima“, selten mit ihr geführt. Der Spiegel brachte das Thema 2004 mit der plakativen Überschrift Allahs rechtlose Töchter – Muslimische Frauen in Deutschland auf die Titelseite. Um aktiv an dieser gesellschaftlichen Diskussion teilzuhaben und ein Zeichen zu setzen, gründeten muslimische Akademikerinnen einen Verein, das Aktionsbündnis muslimischer Frauen. Zu den Vorstandsmitgliedern gehört Tuba Işık-Yiğit. Sie ist gebildet, engagiert und gesellschaftlich aktiv und bildet somit das Gegenteil des propagierten, klischeehaften

Bildes „der“ Muslima. Die 28-Jährige hat Jura und Pädagogik studiert und arbeitet zurzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften an der Universität Paderborn. Fünf Jahre vor der Gründung des Vereins begann die Zusammenarbeit der einzelnen Frauen. Zu dieser Zeit kamen Vertreterinnen des Migrationsbeauftragten der Bundesregierung, des Familienministeriums und der Muslimischen Akademie Deutschland regelmäßig mit muslimischen Frauen aus verschiedenen Verbänden und Vereinen im Rahmen eines Dialogforums zusammen. Ausgangspunkt für die Vernetzung in Form eines Vereins war die Feststellung, „dass das zivilgesellschaftliche Engagement muslimischer Frauen zwecks Gleichstellung verstärkt werden muss, um in den herrschenden Diskursen gehört zu werden“, erklärt Işık-Yiğit. Als wichtigste Ziele des Aktionsbündnisses nennt sie die „Verbesserung der politischen und gesellschaftlichen Teilhabe von Musliminnen und die Unterstützung bei der Wahrnehmung ihrer Rechte.“

Chancengleichheit für muslimische Frauen

 

Von anderen Frauenvereinen unterscheidet sich das muslimische Aktionsbündnis in der Hinsicht, dass es sich deutschlandweit mit Themen wie Bildung, Gleichberechtigung und Diskriminierung von muslimischen Frauen befasst: „Eine bundesweite politische Vertretung muslimischer Frauen jeder Couleur und Herkunft gab es bislang nicht“, so Tuba Işık-Yiğit. Sie führt aus, dass sie sich als

politisch aktive Musliminnen in zweifacher Hinsicht behaupten müssen: „Einerseits setzen wir uns für diskriminierte Frauen ein und fordern von Politik und Gesellschaft Chancengleichheit in jedem Lebensbereich, andererseits müssen wir auch die betroffenen Frauen motivieren, ihre Rechte wahrzunehmen, sich nicht zurückzuziehen und keine Opferrolle einzunehmen.“ Unter diskriminierten Frauen versteht Işık-Yiğit Frauen, die in der Gesellschaft ungleich behandelt werden, wie zum Beispiel muslimische Frauen, die wegen des Tragens eines Kopftuchs im Alltag und Beruf benachteiligt werden. Da der Verein noch in den „Kinderschuhen“ steckt, lässt sich über das Echo in der muslimischen Community wenig sagen.

Stimme der Musliminnen in der Islamkonferenz

Genauso wie Işık-Yiğit sind die weiteren Vorstandsmitglieder und der überwiegende Teil der über 200 Mitglieder Akademikerinnen und beruflich tätig: Ärztinnen, Journalistinnen, Rechtsanwältinnen. Doch man möchte auch die Frauen erreichen, die ihre Stimme bisher nicht erhoben haben: „Sei es, weil sie sich für politische Aspekte eher weniger interessiert haben oder durch ihr Berufs- und Alltagsleben zu sehr in Anspruch genommen waren, um sich in einer eigenen Initiative zu engagieren“, führt Işık-Yiğit aus. Die gebürtige Mainzerin ist Mitglied der SPD und wird an der bevorstehenden Islamkonferenz 2010 teilnehmen. Sie möchte sich dafür einsetzen, dass muslimische Frauen die Rechte wahrnehmen, die ihnen zustehen: „Das Grundgesetz hat hierfür die Grundlage gelegt. Wir möchten dafür sorgen, dass das von Politik und Gesellschaft in die Praxis umgesetzt wird.“ Das Bündnis strebt die Mitgliedschaft im deutschen Frauenrat an, laut Işık-Yiğit „die bedeutendste Lobby von Frauen in Deutschland.“ Dies wäre sicher ein erster Schritt, um einen Wandel in Bezug auf Chancengleichheit von muslimischen Frauen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene herbeizuführen. Problematisch ist dabei, ob die identitätspolitische Basis von „Frau“ und „muslimisch“ ausreichen wird, um den Vertretungsanspruch des Vereins für die ansonsten heterogene Gruppe zu erfüllen.

 

Homepage: www.muslimische-frauen.de
Kontakt: info@muslimische-frauen.de

Ein Kommentar zu Muslimische Frauen in Aktion

  1. Jesko says:

    Super Post.Ich habe ein paar frische Denkanstoesse gekriegt. Freue mich schon auf neue Beiträge.

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