Zeitschrift [di.wan] Berlin: Vom Mittleren Osten bis Berlin

Revolution per Mausklick?
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von Karin Kutter (ersch. Heft 11/November 2011)

Heute schon protestiert? Per Mausklick am virtuellen „March of Millions“ in Solidarität mit den ägyptischen Demonstranten teilgenommen und sein Facebook-Foto mit einem „Atomkraft – Nein danke“-Button versehen. Noch nie war Revolte so einfach – und so angesagt. In Zeiten von Facebook wird Rebellion zum einfachen Klick, ein „gefällt mir“ genügt. Doch in den Ländern, in denen Presse- und Meinungsfreiheit wenig gelten, hat Facebook eine viel größere Bedeutung: Es wird das Kommunikationsmedium der Protestierenden in Zeiten von Unruhe und Umsturz. Warum es dennoch voreilig wäre, von einer Facebook-Revolution zu sprechen zeigt ein Blick auf die tunesische Revolution.

Es begann alles damit, dass sich der 26-jährige tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi Ende letzten Jahres aus Verzweiflung über die Ausweglosigkeit seiner sozialen Lage auf offener Straße selbst verbrannte: Ein Funke, der von der Provinz auf das ganze Land übersprang. Die latente Unzufriedenheit besonders unter den Jugendlichen, die einen Großteil der tunesischen Bevölkerung ausmachen, schlug in Proteste um und jene wiederum in eine Revolution. Mitten unter ihnen: Radiomoderator Tarak Khalladi. Der 33-Jährige arbeitet bei Shems FM – dem Radiosender, der einst einer der Präsidententöchter gehörte und seit der Flucht ihres Vaters am 14. Januar zu einem wichtigen Informationsmedium wurde.

Mit Facebook gegen die Staatsmacht

Tarak bezeichnet sich selbst als audiovisuellen Künstler. Er ist Filmemacher, Fotograf und Radiomoderator. Auf seiner Facebook-Seite präsentiert er sich auf einem Schwarz-Weiß-Foto – mit einer Hand hält er die Scham einer Frauenstatue bedeckt und blickt dabei kokett über die Schulter in die Kamera. Fragt man ihn nach der Rolle von Facebook in der Revolution, ist seine Antwort eindeutig: „Facebook war essenziell für uns“. Gerade in der Zeit vor der Flucht des Präsidenten Ben Ali sei die Plattform das Informationsmedium gewesen, denn die tunesische Medienlandschaft wurde bis dato vom Staat kontrolliert. „Facebook war die einzige verlässliche Quelle in dieser Zeit, quasi die größte Presseagentur Tunesiens“, sagt Tarak. Der Künstler ist gut vernetzt: Über 900 Leute zählt er zu seinen Facebook-Freunden. Gerade die schnelle Kommunikation, die heute möglich ist, sei auch mitverantwortlich für den Umsturz, findet er.

Besonders Fotos und Videos – viele auch aus der Provinz – seien wichtige Mittel gewesen. Per Handykamera aufgenommen und per Mausklick auf Facebook gestellt, konnten sie sich in Windeseile im ganzen Land verbreiten und das Geschehene glaubwürdig machen. Dieser Informationsfluss war ausschlaggebend, denn gleichzeitig spielte sich ein Wettlauf gegen den Staat ab, der versuchte, die Videos zu entfernen. „Irgendwann waren wir so viele und damit so stark, dass die Videos schneller zirkulierten, als sie gelöscht werden konnten. Der Staat war machtlos.“ Zufrieden blickt Tarak durch seine dunkle Hornbrille und lehnt sich zurück. „Der Umsturz in Tunesien war eine Facebook-Revolution“, resümiert er.

Facebook als Revolutionsmacher?

Facebook-Revolution_Tunesien

Nicht alle teilen diese drastische Einschätzung. Dass die Internetplattform eine wichtige Rolle gespielt hat, ist jedoch unumstritten. Die Politikwissenschaftlerin und Diwanredakteurin Anna Antonakis, die gerade von einem einmonatigen Forschungsaufenthalt aus Tunis zurückgekehrt ist, berichtet mir von ihren Eindrücken. Ihr Fazit: „Facebook als many-to-many-Kommunikation hat die Revolution beschleunigt, nach wie vor war aber auch der direkte soziale Austausch sehr wichtig“.

Auch Christoph Kappes, einer der Autoren des Blogs „Carta“, sieht das ähnlich: „Facebook kann keine Revolution „machen“. Kommunikationstools sind vielmehr Verstärker als Auslöser sozialer Interaktion.“ Man könne daher nicht von einer Facebook-Revolution sprechen – auch weil andere (klassische) Kommunikationsmittel wie Telefon, aber auch der Fernsehsender Al-Jazeera, bei der Informationsverbreitung eine wichtige Rolle spielten. Trotzdem: Das Internet im Allgemeinen fördere durchaus gesellschaftliche Veränderungen. Denn unter anderem die schriftliche Fixierung, die Tendenz zur dauerhaften Verfügbarkeit und die gute Erhaltung der Informationen innerhalb der Weitergabekette machten die Besonderheit des Internets aus.

Cilja Harders, Professorin und Leiterin der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients an der Freien Universität sieht zusätzlich die Überbrückung von Klasse und Kultur sowie das Entstehen einer globalen Öffentlichkeit als Spezifikum des Web 2.0. Auch sie betont: „Facebook ist kein Akteur, Facebook ist ein Medium.“ Daher nimmt für sie Facebook eine Verstärker- und Informationsfunktion innerhalb der Revolution ein.

Genau dieses Veränderungspotenzial des Internets wurde auch in Tunesien sichtbar. Taraks Landsmann Slim Amamou, ehemaliger politischer Gefangener und bis vor kurzem Staatssekretär in der tunesischen Übergangsregierung, fasst die tunesischen Ereignisse in seinem Twitter-Eintrag passend zusammen: „Die schnellste Revolution in der Geschichte. Weil wir verbunden sind. Synchronisiert.“ Seine Aussage zeigt: Das Internet, und darin eingebunden Facebook, war nicht „Macher“, sondern „Förderer“ der Revolution.

Und auch andere Medien spielten eine große Rolle. Nach dem Rücktritt Ben Alis verstärkte sich auch die Nutzung ehemaliger vom Staat beeinflusster Medien als Kommunikationsmittel. Tarkas Arbeitgeber Radio „Shems FM“ wird in jenen Tagen zu seiner zweiten Wohnung. Fast rund um die Uhr berichtet er live über die neusten Entwicklungen auf der Straße, spielt Revolutionsmusik, diskutiert mit Aktivisten (mehr zum Thema Musik und Revolution findet sich im Artikel „Die Macht der Musik“, der im neuen Diwan erscheint). Lediglich geduscht und gegessen wird zu Hause. Dann kehrt Tarak in den Sender zurück und bleibt dort die Nacht über, denn im Land herrscht nachts Ausgangssperre. Mit seinen Berichten und Informationen gibt er den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität.

Tunesien nach der Wahl: Raus aus Facebook und auf die Straße

Inzwischen hat sich die Lage in Tunis entspannt. Als Künstler genießt Tarak nun die Freiheit, die ihm bis zur Flucht Ben Alis verwehrt geblieben war. „Es ist ein Gefühl, als ob man nach einem Unterwasserkampf auftaucht und plötzlich wieder frei atmen kann“.

Inwieweit die Wahl in Tunesien und der Sieg der islamistischen Partei En-Nahda dieses Gefühl von Freiheit ändern werden, ist offen. Tarak ist skeptisch. Nur drei Tage nach der Wahl postet er auf seiner Facebook-Pinnwand folgenden Aufruf eines Kandidaten der UPR-Partei (Union Populaire Républicaine): „Liebe „demokratische“ Bewohner des Planeten Facebook! Hört auf Eure Videos, Ideen und Projekte auf Facebook zu teilen, wir müssen raus aus Facebook und den öffentlichen Raum besetzten – den realen öffentlichen Raum!“.

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