von Jannis Hagmann (ersch. Heft 5/Juni 2008)
Personenvorstellung: Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoum, Staatsoberhaupt des Emirats Dubai
Würdevoll war sein Auftreten, als Scheich Mohammed Ende des letzten Semesters unter lautem Beifall durch das Audiomax des Henry-Ford-Baus schritt, um von FU-Präsident Dieter Lenzen eine goldene Ehrenmedaille in Empfang zu nehmen.
Wofür? – “Spitzenleistungen im Bereich Bildung und Wissenschaft”.
Welche genau? – Das weiß eigentlich niemand, ist auch nicht so wichtig. Warum sollte die Ehrung denn nicht einmal vor der verdienstvollen Tat stattfinden? Schließlich hat dieser Herr Scheich ein bisschen mehr Geld in der Tasche als Bildungsministerin Schavan. Aber was macht “Scheich Mo”, wie ihn seine Landsleute nennen, sonst eigentlich?
Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoum ist das Staatsoberhaupt Dubais, des zweitgrößten und aufgrund seiner gigantischen Bauprojekte wohl bekanntesten Emirats der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Im Jahr 2006 folgte er seinem verstorbenen Bruder als Herrscher von Dubai nach. Da die Herrscherfamilie von Dubai traditionell das Personal für hohe Regierungsämter der VAE stellt, erbte er automatisch das Amt des Premierministers und Vizepräsidenten der VAE.
Jüngster Verteidigungsminister der Welt
Seit 1833, als sich zwei Angehörige von Scheich Mohammeds Stamm mit einigen hundert Gefolgsleuten von Abu Dhabi lossagten, herrscht die Dynastie in absolutistischer Manier über Dubai. Mohammed wurde 1949 geboren, als Dubai noch von seinem Großvater Sa’id regiert wurde. Die offizielle Biographie setzt mit Mohammeds viertem Lebensjahr ein, als seine Eltern ihn erstmals in Arabisch und Islamkunde unterrichten ließen. In einer britischen Militärschule erhält er den Offizierstitel; wenige Jahre später wird ihm der des Generals verliehen. 1972 übernimmt er das Amt des Verteidigungsministers, das er auch heute noch ausübt. Mit 23 Jahren war er der damals jüngste Verteidigungsminister der Welt. Später, im Jahr 1979, heiratet Mohammed seine Hauptfrau Hind Maktoum Juma – ein strategischer Schachzug, kommt diese doch aus einem gegnerischen Zweig seiner eigenen Familie. Eine marokkanische sowie eine algerische Gattin folgen, bevor er 2004 seine jetzige Zweitfrau Prinzessin Haya Bint Al Hussain von Jordanien ehelicht. Wieder geschickt: Die Halbschwester des jordanischen Königs bringt ihm auf internationaler Ebene durchaus Vorteile ein. Auch das emiratische Militär bezog er in seine Heiratspolitik mit ein und besetzte wichtige Posten durchweg mit seinen Schwägern.
Auf humanitärer Ebene engagierte sich der Scheich unter anderem 1999 im Kosovo und 2001 in Afghanistan, wo er Flüchtlingslager für vom Krieg vertriebene Familien errichten ließ. Für die Angehörigen der Opfer des Anschlags vom 11. September soll er Gelder in Millionenhöhe gespendet haben.
Scheich des Bürgertums?
Für einen traditionellen Führungsstil, wie ihn die Herrscher einiger anderer Emirate pflegen, scheint Scheich Mohammed recht wenig übrig zu haben. Eröffnungsfeiern fertig gestellter Bauprojekte, Pferderennen und andere Großereignisse halten für seine Auftritte her. Doch trotz seines Faibles für Events gibt er sich als Mann der Kultur. Denn der Herrscher ist Poet. Pathos gehört zu seinem Image. Von Liebe und Sehnsucht handeln seine Gedichte, von Mitgefühl und großer Politik. Neben dem Dichten gehört seine besondere Leidenschaft der Falkenjagd und dem Pferderennen. Seine Söhne zählen zu den besten Reitern der Welt und gewannen bereits verschiedene Weltmeistertitel.
Dieses traditionsbewusste bürgerliche Image wird durch seine Ambitionen im Bereich der Bildung ergänzt. Eine arabisch-islamische Wissensgesellschaft, in deren Mittelpunkt das blühende Wirtschaftszentrum Dubai steht, schwebt Mohammed vor. Dass die arabische Welt davon noch weit entfernt ist, ist ihm bewusst. Die vernichtenden Ergebnisse des von der UN in Auftrag gegebenen Arab Human Development Report 2003, dessen Statistiken er wohl im Schlaf aufsagen könnte, nahm er als Anlass für eine gigantische Bildungsinitiative, für die er siebeneinhalb Milliarden Euro seines Privatvermögens in eine Stiftung steckte. Diese 2007 ins Leben gerufene Mohammed-Bin-Rashid-Stiftung umfasst hochwertige Forschungs- und Stipendienprogramme, ein breit angelegtes Projekt zur Übersetzung wichtiger Werke ins Arabische sowie eine eigene Radiosendung mit dem programmatischen Namen “Schreib!”.
Kann politischer Wandel auf Dauer ausbleiben?
Aber reichen Bildung und wirtschaftlicher Fortschritt aus, um den Weg zu einer modernen Wissensgesellschaft zu ebnen? Gehören nicht auch Kritik an traditionellen Machtstrukturen, zivilgesellschaftliches Engagement, eine kritische Presse, Menschenrechte sowie Rechtsstaatlichkeit zum avisierten Fortschritt?
Weder Scheich Mohammeds ehrgeizige Visionen, noch Dubais beispielloser Wirtschaftsboom können über die dunkle Seite von Mohammeds kleinem Power-Scheichtum hinwegtäuschen. Die politische Ordnung des Emirats ist vom allseits gelobten Wandel und Fortschritt ausgenommen. Politische Repräsentation, Wahlen, Pressefreiheit und politische Opposition sind nur in minimalen Ansätzen vorhanden. Regierungsunabhängige Menschenrechtsorganisationen werden nicht zugelassen und auch Gewerkschaften bleiben nach wie vor verboten.
Am härtesten treffen diese Einschränkungen jedoch nicht die Emiratis, die nur etwa zwazig Prozent der Bevölkerung Dubais ausmachen, sondern das Heer von Arbeitsmigranten, ohne welches Dubais boomende Entwicklung unvorstellbar wäre. Im Gegensatz zu den ökonomisch privilegierten Europäern und US-Amerikanern werden die größtenteils aus Indien, Pakistan und Bangladesch stammenden Arbeiter erbarmungslos ausgebeutet. Zwölf-Stunden-Schichten und lange Anfahrtswege sind an der Tagesordnung. Das Gehalt gleicht einem Hungerslohn: Laut der Nicht-Regierungsorganisation Human Rights Watch verdient ein südasiatischer Bauarbeiter in Dubai gerade mal 110 Euro pro Monat. Die Lebenshaltungskosten in Dubai steigen stetig und sind ohnehin auf einem hohen Niveau, weshalb die meisten Arbeitsmigranten in kläglichen Barackenlagern hausen. Der Presse ist es nicht gestattet, über die Situation der Arbeitsmigranten zu berichten. Das Erschreckende jedoch ist, dass Scheich Mohammed an zahlreichen Riesenprojekten selbst beteiligt ist. Er ist einer der größten Unternehmer des Emirats. Ein guter Teil seines Privatvermögens beruht daher auf Dubais boomender Wirtschaftsentwicklung.
Todbringende Arbeitsbedingungen
Der Bauboom hat im wahrsten Sinne des Wortes fatale Folgen: Aufgrund unzureichender Arbeitssicherheit sterben jährlich Hunderte ausländischer Arbeiter auf den Baustellen des Golfstaats. Wie Human Rights Watch berichtet, wurden im Jahr 2004 über 800 Bauarbeiter-Leichen in ihre Heimatländer überführt. Da die südasiatischen Heimatstaaten auf die in Dubai erwirtschafteten Deviseneinnahmen angewiesen sind, drücken auch sie in dieser Hinsicht gern ein Auge zu.
“Scheich Mo” hat sich dem Fortschritt verschrieben und will Dubai, die VAE und die arabische Welt in eine viel versprechende Zukunft führen. Dieter Lenzen bot ihm im Rahmen der FU-Medaillen-Verleihung im Februar an, ihm auf diesem Weg zur Seite zu stehen. Argumente für eine solche Zusammenarbeit lassen sich sicherlich finden. Dass sich Scheich Mohammeds Vermögen jedoch nicht nur aus Öleinnahmen, sondern auch aus Dubais menschenverachtender Bauindustrie speist, sollte unterdessen mitbedacht werden.